TV-Highlight Mein Bambi für Sissi

Wolfgang Engel liebt "Sissi". Foto: Wolfgang Warmdt

Was, wenn der Winter kalt wird und eisig? Was tun wir dann? Die Medien sagen ja, dass er das wird, obwohl sie das fast immer sagen und es fast nie so wird. Aber was, wenn heuer doch? Auf den Theresienplatz gehen und probieren, ob der neue FuZo-Probebelag auch bei Eis rutschfest ist? Wenn ja, wäre das gut, weil dann keiner ausrutschen kann. Wenn aber nicht, wär das noch besser, weil da, wo sich‘s gut rutscht, ist auch gut Eisstockschießen. Aber am allerbesten ist: Wir gehen heim und schauen Weihnachtsfilme.

Weihnachtsfilme! Oh Weihnachtsfilme! „Stirb langsam“ zum Beispiel!: „Kein Film versprüht mehr Weihnachtsgeist“, hat ein Münchner Merkur-Autor einmal geschrieben, und das damit begründet, dass der stets „Yippie-yayeah, Schweinebacke!“ brummelnde John McClane eine Erlöserfigur sei; und er führt ferner aus, dass McClane, um Menschen zu retten, viel Leid und Schmerz ertrage. Eine interessante, wenn auch leicht bizarre Argumentation, finde ich, denn Leid und Schmerz würde ich persönlich eher beim Karfreitag als bei Weihnachten verorten.

Aber der Merkur wird schon wissen, was er da schreibt, und Geschmäcker sind halt verschieden. Manche mögen an Weihnachten „Kevin, allein zu Haus“ lieber, quasi die Grundschulversion von „Stirb Langsam“, weshalb ich glaube, dass Kevin mit Nachnamen gar nicht McCallister heißt, sondern McClane. Für mich ist das eh alles nichts. Ich bin ein anderer Typ. Ich bin einer aus der „Schlaflos in Seattle“- Fraktion, der an bestimmten Stellen unwillkürlich schlucken und gegen Tränen kämpfen will. Kennen Sie das? Dieses Schlucken? Weil man so gerührt ist? So einer bin ich. Der romantische Kitsch-Typ halt.

Über Leute wie mich sagen die anderen: „Echt? Wegen dem Schmarrn musst du weinen?“ Aber so bin ich halt. Und weil ich so bin, hab ich bei der ARD-Zuschauerredaktion angerufen. Man kann täglich dort anrufen, von 9 Uhr bis 23 Uhr, es ist eine Münchner Nummer. Ob Sissi heuer wieder kommt, wollte ich wissen. Ich finde das wichtig. Neuerdings kommt Sissi nicht mehr jedes Jahr, aber heuer ist Sissi-Jahr, zumindest in Ungarn.

Bambi hat unser Rehkitz geheißen, wie sonst

Vor 150 Jahren ist ja die Sissi zur Königin Ungarns gekrönt worden; dies war nur möglich, weil sie den Grafen Andrassy zum Tanz aufgefordert und so einen Krieg verhindert hat, in „Sissi, die junge Kaiserin“ sieht man das ganz genau. Außerdem hat die Sissi ein Rehkitz gehabt, genau wie ich auch! So etwas ist ein Zeichen. Mit diesem Kitz zusammen hab ich als Bub einmal „Sissi, Schicksalsjahre einer Kaiserin“ nicht angeschaut, das prägt fürs Leben.

Bambi hat unser Rehkitz geheißen, wie sonst. Auf unserem Grundstück in einer Holzhütte hat es gelebt. Auf einer Wiese haben wir es gefunden und so lang gestreichelt, bis uns einfiel: „Mein Gott, a Rehkitz wennst streichelst, nimmts sei Mamma ja nimmer!“ Also haben wir‘s mitnehmen müssen zu unserer Mamma. Und es wurde mit der Flasche gesäugt und sehr lieb gehabt, denn es war lieb. Zumindest so lange, bis es entdeckt hat, dass es ein Bock ist, der mit seinen Hörnern sehr gern Kinder umstoßen will. Aber davor war es lieb, und es hat mich getröstet beim schwierigen dritten Teil: „Sissi, Schicksalsjahre einer Kaiserin“.

Tausende schauen, eisiges Schweigen, ein Spießrutenlauf

Schicksalsjahre erträgt ein kleiner Bub nur, wenn er ein Rehkitz hat. Denn da sind ja Stellen, wo unsereiner ins Schlucken kommt, zum Beispiel am Markusplatz: Sie und der Franzl waren davor ja in der Mailänder Scala, wo Dienstboten den Gefangenenchor singen, „Va, pensiero, sull’ali dorate!“, um sie zu demütigen. Und dann: Venedig! Am Canal Grande verschließen Menschen die Fenster, dann der Gang zum Dogenpalast: Tausende schauen, eisiges Schweigen, ein Spießrutenlauf:

„Dieses demonstrative Schweigen ist vernichtender als ein Attentat“, presst der Franzl hervor, man muss sich das vorstellen, ich glaube, nur kleine Buben und die CSU können das, und der Franzl sagt, dass er ihr diesen Gang gern erspart hätt. Aber die Sissi sagt wörtlich: „Mach Dir um mich keine Sorgen, Franz. Der Weg nach Madeira war schmerzlicher, und ich bin ihn gern gegangen. Für Dich!“ Ist das nicht schön?

Denn 38 Minuten zuvor hat die Sissi ja versehentlich mitgehört, dass sie so lungenkrank ist und ihr Kind nicht mehr sehen darf und sofort nach Madeira und Korfu muss, obwohl sie wahrscheinlich eh stirbt; und die Erzherzogin Sophie hat zum Franzl gesagt, dass er sich schon um eine neue Frau schauen soll und ihm befohlen: „Du hast kein Recht, an Dich zu denken! Vergiss nicht, was ich für Opfer gebracht hab für das Haus Habsburg!“ Es war so traurig. Kein kleiner Bub hält das aus.

Da bin ich hinein in die kleine Hütte zum Bambi mit seinen rehbraunen Augen, und mit diesen Augen hat es mich angeschaut, als wollte es sagen: „Ja, kleiner Bub, ich versteh dich; ich weiß wie das ist, wenn Mama und Kitz getrennt werden; aber ich mach dir keinen Vorwurf.“ Und es hat sich streicheln lassen von einem traurigen Neunjährigen, dem das Schicksal einer jungen Kaiserin, die ständig Kriege und Rebellionen verhindert hat und jetzt ihr Kind nicht mehr sehen darf, weil sie so krank ist, so nahgegangen ist, dass er unbedingt in rehbraune Augen hat blicken müssen, um nicht zu weinen.

Da hat die Sissi auch einen Rehbock, der klein und noch hörnerlos war

Denn kleine Rehböcke helfen gegen das Weinen. Ich weiß das aus dem Teil I, der einfach „Sissi“ heißt. Da hat die Sissi auch einen Rehbock, der klein und noch hörnerlos war, und sein Name war Xaverl. Und kurz, bevor sie aufs Schiff muss zur Abreise nach Wien, geht sie ein letztes Mal zum Xaverl und lässt ihn frei, und das tröstet sie vor ihrer Fahrt in den Goldenen Käfig der Erzherzogin Sophie. „Komm, Xaverl“, sagt sie, „und geh in den Wald! Und wenn du groß bist, dann geh dem Papi aus dem Weg!“, denn der war ja auch Jäger.

Und dann läuft ihnen am Markusplatz ihre kleine Tochter entgegen, und die Sissi ruft: „Da ist ja unser Kind!“ Und sie pfeift auf das Protokoll und läuft ihrem Kinde entgegen, und die eisigen Venezianer schauen erstaunt und beginnen zu tauen, und die Sissi läuft weiter, und dann herzt und kost sie ihr Kind, bis einer „Eviva la Mamma!“ schreit, und dann jubeln alle: Schon wieder einen Weltkrieg verhindert. Ja, das ist Sissi. Zum Weinen schön.

„Hey, ab vor den Fernseher, gleich ist 15.40 Uhr."

Bei Weihnachtsfilme.de hat Sissi fünf(!) Weihnachtsmützen bekommen, dazu den „Must watch!“-Vermerk, und mit Recht. Denn obwohl Weihnachten gar nicht drin vorkommt, ist es der schönste Weihnachtsfilm, den ich kenne, nur „Ist das Leben nicht schön?“ kommt vielleicht noch mit, mit Donna Reed und James Stewart. Aber sonst keiner.

Man könnte diese Filme natürlich auch auf DVD anschauen oder auf Bluray. Aber Fernsehen ist besser. Es ist ein anderes Gefühl, dieses „Hey, ab vor den Fernseher, gleich ist 15.40 Uhr. Sissi geht los!“-Gefühl. Aber leider kommt es nicht mehr jedes Jahr, darum habe ich ja angerufen. Und wissen Sie was? Sissi kommt!

Denn dort in München, in der ARD-Zuschauerredaktion, war eine Dame am Telefon, mit ostdeutschem Akzent, wie man ihn oft hat in München, und diese Frau versteht ihren Job, das muss ich sagen. Keine fünf Sekunden hat es gedauert, dann hat sie gesagt: „Die grobe Planung besteht, aber Termine können wir Ihnen noch nicht sagen, erst im November vielleicht.“ Aber die wichtige Information für mich war: Sissi kommt! Und wann ganz genau, erfahre ich dann schon rechtzeitig.

So habe ich gedacht, und ich habe richtig gedacht. „Immer, wenn du eine Glocke hörst, kriegt ein Engel grad seine Flügel“

Schon am nächsten Tag habe ich im Internet Sissi-Sendezeiten gefunden. Am ersten Weihnachtsfeiertag, 17.30 Uhr, ARD: „Sissi“ Teil I. Am zweiten Weihnachtstag, 15.40 Uhr „Sissi, die junge Kaiserin“, und gleich danach „Sissi, Schicksalsjahre einer Kaiserin“. Und falls Sie am Mittag von Heiligabend zufällig Zeit haben: Um 12.05 Uhr bringt Servus TV „Ist das Leben nicht schön?“, in dem der EK2-Engel (Engel zweiter Klasse) Clarence sich seine Flügel verdient, indem er dem James Stewart einen Selbstmord an Heiligabend ausredet. „Immer, wenn du eine Glocke hörst, kriegt ein Engel grad seine Flügel“, sagt Clarence, der Engel zweiter Klasse, in diesem Film, und am Ende klingelt eine Glocke auch für ihn: Ist das Leben nicht schön?

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