Straubing Transgender: Von grauer Maus zum strahlenden Schwan

Inzwischen versteckt sich Samira nicht mehr hinter Männerkleidung, sondern geht selbstbewusster mit ihrer Identität um. Foto: Susanne Pritscher

Gefangen im eigenen Körper: Mit Anfang vierzig wird Samira aus dem Landkreis Dingolfing-Landau bewusst, dass etwas ganz und gar nicht zu ihr passt - nämlich ihr Geschlecht. Bereits im Frühjahr 2018 erzählte sie idowa, dass sie einen Neuanfang wagen möchte - als Frau. Ein Jahr später haben wir sie in Straubing wiedergetroffen – dieses Mal in Frauenkleidung und mit einem Strahlen im Gesicht. Im Interview erzählt sie von ihrem neuen Leben als Frau, dem Umzug nach Nordrhein-Westfalen und ihrer zweiten Pubertät.

Vor gut einem Jahr haben wir uns zum ersten Mal getroffen. Was hat sich seitdem verändert?

Samira: Vieles hat sich bei mir geändert. Ich habe mein ganzes Leben umgekrempelt. Vor einem Jahr war ich ja relativ am Anfang und habe noch keine Hormone genommen. Da war ich noch schüchtern und ungeküsst sozusagen (lacht).

Letztes Jahr war es Ihr größter Wunsch, endlich mit der Hormontherapie beginnen zu können.

Genau. Ende Oktober konnte ich nach zahlreichen Untersuchungen endlich mit der Hormonersatztherapie anfangen. Vorher musste abgeklärt werden, ob ich wegen des festgestellten hohen Thrombose-Risikos die nötigen Hormone nehmen kann. Bis Januar habe ich nur das weibliche Sexualhormon Estradiol genommen, jetzt nehme ich außerdem noch Testosteron-Blocker, da nach etwa zwei bis drei Monaten die Testosterone gestört haben. Ich hatte auch schon ein Vorgespräch zur Hodenentfernung, damit ich die Testosteron-Blocker wegen des Thrombose-Risikos nicht nehmen brauche. Habe mich aber dagegen entschieden. Ich möchte später lieber eine komplette OP machen lassen und dann fallen die Blocker eh weg.

Wie fühlen Sie sich heute – ein halbes Jahr nach Beginn der Hormontherapie?

Jeder Tag ist für mich ein neues Leben. Man sieht es inzwischen ja auch äußerlich. Dass ich mich verändere, habe ich schon zwei Monate nach Beginn der Therapie gespürt. Und meine Stimmung ist inzwischen besser, aufgehellter. Man durchläuft ja verschiedene Lebensabschnitte: Outing, Hormontherapie, OP - jeder Abschnitt bringt etwas Neues mit sich. Die Hormone haben mein Leben zu 100 Prozent verändert. Ich weiß noch, als ich das Rezept in meinem Briefkasten hatte und endlich anfangen konnte. Das war ein Höhepunkt meines bisherigen Lebens. Aber: Für den Schritt ins neue Leben muss man auch viel aufgeben.

Inwiefern mussten Sie vieles aufgeben?

Es ist nicht einfach nur Kleidung anziehen und Brüste kriegen. Es gehört einfach viel mehr dazu. Dabei gab es positive Effekte, ich rauche zum Beispiel nicht mehr, was ich nach 30 Jahren nie gedacht hätte. Auch dass die Brüste wachsen, ist deutlich zu sehen, was mich natürlich sehr freut. Es gibt aber auch Negatives. Ich habe durch die Einnahme der Hormone Heißhungerattacken. Auch die Fettverteilung in meinem Körper ändert sich. Und ich bin in einer zweiten Pubertät, die ich viel intensiver wahrnehme als meine Teenagerzeit, in der ich mich nicht wirklich dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zuordnen konnte. Das ist nicht immer einfach, die Gefühle spielen verrückt, man verliebt sich und leidet. Ich kann es aber steuern und unterdrücken. Man muss da auf seine Partnerschaft aufpassen und meine Frau unterstützt mich inzwischen zu 100 Prozent.

Bis Ende 2018 wohnten Sie mit Ihrer Familie im Landkreis Dingolfing-Landau. Nun sind Sie nach Nordrhein-Westfalen gezogen. Warum?

Dafür gab es einige Gründe. Es gab privaten Streit mit dem Nachbar im Haus und auch die politische Situation in Bayern hat mir nicht mehr gefallen. Ich hatte immer mehr Angst, als psychisch gestört registriert zu werden, nachdem, was ich so von dem neuen Polizeiaufgabengesetz mitbekommen hatte. Aber vor allem hatte ich das Gefühl, in Bayern sind viele noch nicht so offen. Oft wird man komisch angeschaut. Darum sind wir nach NRW gezogen. Ich wollte endlich als Frau herumlaufen können, ohne mir Gedanken machen zu müssen.

Wie ist es Ihnen in der neuen Heimat ergangen?

Durch den Umzug habe ich mir und meiner Familie neuen Freiraum geschaffen. Gerade wenn man als Transgender am Dorf wohnt, ist es eigentlich ein nachvollziehbarer Schritt, in die Stadt zu ziehen. Und in NRW sind Menschen viel offener als in Bayern. Da wird man auf der Straße nicht so blöd angeschaut. In meiner alten Heimat habe ich mich in der Frauenabteilung von anderen manchmal sogar bis zur Umkleide verfolgt gefühlt. In NRW habe ich auch neue Leute kennen gelernt. Dort bin ich jetzt endlich in einer Selbsthilfegruppe. In der sind sowohl CIS-Personen (Menschen, bei denen die Geschlechtsidentität mit dem Geschlecht übereinstimmt, Anm. d. Red.) als auch Trans*Personen. Wir können untereinander auch unsere Erfahrungen austauschen, ohne uns erklären zu müssen.

Was ist für Ihre Zukunft geplant?

Als nächstes steht für mich die Personenbestandsänderung an. Die habe ich Ende April beantragt. Im August habe ich ein Vorgespräch für die geschlechtsangleichende OP. Da bekomme ich dann wahrscheinlich auch den vorläufigen Termin für die Operation. Die Wartezeit dafür beträgt aber mindestens eineinhalb Jahre.

 

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