Relegation 2017 Oliver Hein: "Aufstieg wäre für ganz Ostbayern extrem cool"

Als "Gennaro Gattuso des SSV Jahn Regensburg" bezeichnet ihn sein ehemaliger Teamkollege Michael Hofmann. In den Relegationsspielen gegen 1860 München kann Oliver Hein allerdings nur von draußen zuschauen. Foto: imago

Mit seinem Traumtor zur zwischenzeitlichen 1:0-Führung im Relegations-Rückspiel gegen den Karlsruher SC (Endstand 2:2) hat Oliver Hein 2012 entscheidend zum Aufstieg des SSV Jahn Regensburg in die 2. Bundesliga beigetragen. Fünf Jahre, zwei Abstiege und einen Aufstieg später stehen die Oberpfälzer wieder in der Relegation zur 2. Liga. Am Freitag in Regensburg und am Dienstag in der Allianz Arena kämpft die Jahn-Elf gegen 1860 München um den Aufstieg. Oliver Hein kann dieses Mal nicht aktiv auf dem Platz mithelfen, er wurde nach seiner Knieverletzung nicht rechtzeitig fit. Dennoch will der 27-Jährige die Mannschaft mental unterstützen, wie er im Interview mit unserer Zeitung sagt. Außerdem spricht der gebürtige Straubinger über die Entwicklung der Mannschaft, erklärt, was bei Entscheidungsspielen besonders wichtig ist und was ihm persönlich der Aufstieg des Jahn bedeuten würde.

Herr Hein, wie geht es Ihnen nach Ihrer Knieverletzung?
Oliver Hein: Es geht aufwärts. Aber leider bin ich noch nicht bei 100 Prozent meiner Leistungsfähigkeit.

Wie sehr schmerzt es, die Relegationsspiele nun von draußen verfolgen zu müssen?
Hein: Ich hatte gehofft, dass es bis zur Relegation wieder geht, aber leider kommen die Spiele noch zu früh. Ich wäre gerne dabei gewesen und hätte der Mannschaft geholfen. Zuschauen tut immer weh und in solch großen Spielen natürlich umso mehr. Jetzt zuschauen zu müssen, tut mehr weh als das Knie selbst.

„Wenn du kurz vor der Ziellinie stehst, dann willst du auch darüber gehen“

Können Sie der Mannschaft als Vize-Kapitän auch helfen, ohne auf dem Platz zu stehen?
Hein: Ich denke schon. Allein durch Präsenz kann man den Spielern zeigen, dass sie nicht alleine sind. Es ist gerade in solch entscheidenden Spielen wichtig, dass man ein Gefühl der Einheit vermittelt. Zudem kann man den Jungs gut zureden und ein offenes Ohr für sie haben.

Wie bewerten Sie das Duell des Jahn gegen die „Löwen“?
Hein: Die Favoritenrolle ist ganz klar bei 1860. Sie haben einen deutlich höheren Etat und hatten vor der Saison ganz andere Vorstellungen. Sechzig ist in der Bringschuld und hat den Druck.

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Könnte das auch die Chance des Jahn sein?
Hein: Wir haben auf jeden Fall nichts zu verlieren. Wir haben unser Saisonziel längst erreicht. Wir wussten zwar vor der Saison, dass wir gut sind, aber mit der Relegation konnte niemand rechnen. Aber klar ist auch: Wenn du kurz vor der Ziellinie stehst, dann willst du auch darüber gehen.

Was zeichnet die Jahn-Mannschaft in dieser Saison aus?
Hein: Vor allem in der Rückrunde haben wir konstant und kontinuierlich unser Leistungspotenzial ausgeschöpft. Da hat es klick gemacht in der Mannschaft. Nachdem in der Vorrunde oft die Konstanz gefehlt hat, haben wir intern auch klar angesprochen, dass wir einige Sachen noch professioneller machen müssen. Zudem sieht man diese Saison wieder einmal, was alles möglich ist, wenn die Mentalität einer Mannschaft stimmt.

Vom Aufsteiger zum erneuten Aufstiegs-Anwärter: Wie ist diese Entwicklung zu erklären?
Hein: Viele aktuelle Leistungsträger haben die vergangenen beiden Jahre gemeinsam mitgemacht. Den Abstieg, das harte Jahr in der Regionalliga und den sofortigen Wiederaufstieg. Durch den Erfolg vergangene Saison haben wir einen extremen Ballast ablegen können. Wir wollten dieses Jahr einfach eine gute Saison spielen und uns kontinuierlich verbessern. Man sieht, welche Leistungssteigerung möglich ist, und wir haben diese Saison den nächsten Step gemacht. Aber ich sehe immer noch Entwicklungspotenzial in unserer Mannschaft. Wichtig ist auch, dass man sich gegenseitig Vertrauen schenkt und dass der Antrieb von innen heraus kommt. Denn die Leistung stimmt nur, wenn es auch in der Mannschaft stimmt.

Sie waren 2012 schon beim Aufstieg dabei, als sich der Jahn in der Relegation gegen Karlsruhe durchgesetzt hat. Auch damals war der Jahn vor der Saison Außenseiter. Sind die Situationen vergleichbar?
Hein: In gewisser Weise schon. Ich denke vor allem im Punkt Mentalität. Man braucht einfach eine gewisse Siegermentalität in der Mannschaft, um etwas zu erreichen. Mit Einstellung, Willen und einem klaren Plan ist es möglich, talentiertere Mannschaften hinter sich zu lassen. Es gibt aber auch Unterschiede, vor allem in der Spielidee. Damals lag der Fokus auf der defensiven Stabilität. Heuer sind wir deutlich offensiver ausgerichtet, was vielleicht auch daran liegt, dass Heiko Herrlich früher selbst Stürmer war.

„Man muss alles rundum ausblenden und versuchen, in einen Tunnel zu kommen“

Wie schätzen Sie die Chancen in der Relegation ein?
Hein: Für mich stehen die Chancen in solchen Spielen immer 50:50. Die Tagesform wird entscheidend sein. Genauso die Frage, wie die einzelnen Spieler mit dem Stress und dem Druck umgehen können. Wir als Drittligist haben nur etwas zu gewinnen und nichts zu verlieren. Der Zweitligist steht unter Zugzwang, und ich bin gespannt, wie 1860 damit umgeht.

Sie persönlich haben 2012 und 2016 schon zwei Relegationen erfolgreich bestritten. Was ist in solchen Entscheidungsspielen besonders wichtig?
Hein: Man darf sich vor allem nicht vom Trubel und dem plötzlich größeren Interesse anstecken lassen. Alles rundum muss man einfach ausblenden und versuchen, in einen Tunnel zu kommen. Unser Trainer nennt ja oft das Beppo-Prinzip aus dem Roman „Momo“, dass man sich immer nur auf den nächsten Schritt konzentriert. Das ist in diesen Spielen besonders wichtig, dass der Fokus nur auf dem Wesentlichen liegt und dass man Vertrauen in sich und den Nebenmann hat.

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Die Euphorie rund um den Jahn hat in den vergangenen Wochen immer weiter zugenommen. Wie macht sich das für Sie bemerkbar?
Hein: Man spürt es schon. Wenn zum Beispiel auf dem Uni-Campus oder in der Stadt plötzlich Leute mit dem Jahn-Trikot rumlaufen. Auch persönlich wird man häufiger angesprochen. Wenn es nicht läuft, dann ist es vielen egal, wie es einem geht, dann wird eher noch draufgehauen. Wenn sich die Leute jetzt für dich interessieren, dann musst du einiges richtig gemacht haben. Die Präsenz ist für uns zwar ungewohnt, aber ich sehe das vor allem als Bestätigung unserer Arbeit.

Wie geht man als Spieler mit dem Hype um?
Hein: Die Schwelle zwischen Übermut und einem tiefen Fall ist sehr schmal. Wichtig ist, dass man die Emotionen, die von außen an einen herangetragen werden, nüchtern betrachtet und richtig einschätzt. Damit bin ich bislang sehr gut gefahren. Man darf sich von den Extremen nicht verleiten lassen und muss bei seinem Plan bleiben.

Sie sind seit der Jugend beim SSV Jahn. Was würde Ihnen der Aufstieg persönlich bedeuten?
Hein: Einiges. Ich habe in den letzten Jahren mit dem Verein zwei Aufstiege und zwei Abstiege mitgemacht. Im Herrenfußball kenne ich außer dem Jahn keinen anderen Verein, entsprechend hat mich der Club natürlich sehr geprägt. Über die Jahre lernt man Leute kennen, die den Verein schon Jahrzehnte im Herzen tragen. Und für mich steht fest: Auch wenn ich einmal selbst nicht mehr aktiv spielen kann, werde ich immer Jahn-Fan bleiben, denn der Verein ist mir einfach ans Herz gewachsen. Aufgrund der Arbeit der vergangenen Jahre bin ich auch der Meinung, dass sich der Verein die 2. Liga verdient hätte. Für den gesamten Club und für die Leute in Regensburg und ganz Ostbayern wäre der Aufstieg eine extrem coole Sache.

Sie selbst gelten als schlechter Zuschauer. Wie werden Sie die beiden Relegationsspiele verfolgen?
Hein: Das stimmt, ich bin ein schlechter Zuschauer. Während eines Spiels bin ich auch überhaupt nicht ansprechbar. Deshalb werde ich mir einen Platz suchen, wo ich die Spiele eher für mich alleine schauen und den Fokus ganz aufs Spiel richten kann. Wenn ich zuschauen muss, dann bin ich angespannter, als wenn ich selber spiele.

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