Norwegen Lofoten im Winter: Rendezvous mit Moby Dick

Auf den Lofoten können das ganze Jahr über Wale beobachtet werden. Besonders reizvoll ist das Schauspiel in der späten Nachmittags- und in der Abendsonne. Foto: Manfred Lädtke

Vor 191 Jahren trat in der norwegischen Region Lofoten ein junger Skandinavier seinen Dienst als "Amtmann" an.

Als er die grauen Berge sah, soll er ins Tagebuch notiert haben: "Hier kann die Vorstellung von Schönheit nur als Entbehrung aufkommen ..." Heute sehen rund 200.000 Touristen jedes Jahr das felsige Eiland mit anderen Augen. Die 150 Kilometer lange Lofoten-Bergwand und "Moby Dick" sind die beliebtesten Fotomotive in der norwegischen Inselwelt.

Für einen Moment sieht das Hafenstädtchen Svolvaer aus wie im Urlaubsprospekt. Unter dem hellblauen Himmelsdach spiegeln sich rote Fischerhäuser im Wasser. Dem Blick über das Meer stellen sich hier und da nur Schnee betupfte schroffe Felstürme in den Weg. Plötzlich schieben sich finsterer Wolken über den Hafen der Insel Austvägoy. So hurtig wie das Regendunkel kommt, macht es der Sonne wieder Platz. Wer im Winter Norwegens vorgelagerte Inselkette besucht, den erwartet ein Energiezentrum der Natur mit launischem Wetter, dramatischem Licht und einer mystischen Landschaft voll mit Schlupfwinkeln für die Seele.

Wo einst Fischer wohnten, schlafen heute Touristen

Ferienhaus Nummer 15: Ein Holzsteg führt zu der Pfahlhütte mit Schlafkammern, Wohnküche und Bad. "Rorbuer" (Rudererbuden) heißen die mit roter Tranfarbe vor Wind und Wetter geschützten modernisierten oder nachgebauten ehemaligen Fischerquartiere. Ein König ließ im 12. Jahrhundert die ersten Rorbuer für Fischer errichten, die im Winter mit Ruderbooten in die ertragreichen Fjorde kamen. Als die einst üppig sortierte Speisekammer des Meeres nur noch reduzierte Angebote machte, kamen immer weniger Fischer in die nassen Jagdgründe. Die Pfahlbauten vergammelten oder wurden von Winterstürmen ins Meer gefegt. Dem Fremdenverkehr sei es zu verdanken, dass diese inseltypische Dorfarchitektur nicht verschwunden ist, erklärt Tourismusmanager Ole Nysetvold.

Der Wind pfeift in den nostalgischen Ferienhütten nicht mehr in den Ritzen, und er treibt auch keinen Schnee mehr durch die Balken. In stürmischen Nächten, wenn das Meer unter den Fenstern wütet, kommt aber wie vor Jahrhunderten Bewegung in das Gebälk und schaukelt den Quartiergast in den Schlaf. Die unfreiwillige Wackelpartie ist dann die nächtliche Einstimmung auf den kommenden Tag, wenn es auf einem Motorschiff hinaus aufs Meer zur Walbeobachtung geht. In Regenkleidung gehüllte Deutsche, Engländer und Schweden stehen morgens an der Reling, als das Schiff Solvaer verlässt.

Von Oktober bis Januar locken riesige Heringsschwärme Schwertwale (Killerwale) in den warmen Golfstrom am nördlichen Polarkreis: Das sei die beste Zeit für eine Whale-Watching-Tour, empfiehlt der Kapitän. Aber auch in den Frühjahrs- und Sommermonaten vor und nach den kulinarischen Festwochen hätten Touristen beste Chancen auf ein Rendezvous mit "Moby Dick". Der aber lässt noch auf sich warten.

Dann plötzlich gleiten 200 Meter Steuerbord zwei, vier, sechs Rückenflossen wie spitze schwarze Segel durch die silbrig schimmernde See. Atemfontänen spritzen in den Himmel. Das Schiff legt ein paar Knoten zu, dann pirscht es langsam an die Meeressäuger heran. "Ein Familienverband", stellt der Skipper fest. Nur wenige Delphinsprünge vor der Bootsreling stoßen die prustenden Schwimmer durch die Wellen. Schwarzblau glänzende Rücken wölben sich aus dem Wasser, fallen nach vorne und verschwinden wieder im Meer. "Look right - he´s jumping", ruft aufgeregt ein Schwede: Ein fast neun Meter langer Killerwal reckt übermütig seinen weiß-schwarzen Leib aus den Fluten. Mit einem scheinbar breiten Grinsen im Gesicht blickt er Sekunden die Schaulustigen an, dann lässt der Koloss seinen Tonnen schweren Körper krachend auf das Meer klatschen. Die mächtige Schwanzflosse steht senkrecht im Wasser, als der Orca in die spritzenden Gischt taucht. Zwei, dreimal wiederholt sich das majestätische Schauspiel. Zum Staunen bleibt kaum Zeit. Handys klicken, Kameras filmen die Vorstellung fürs Heimkino.

Vom Walfang erzählt das Lofot-Museum in Kabelvag. Wie auf dem musealen Gelände mit Bootschuppen, Wirtschaftshof, Rorbuer-Hütten und Gammelbutikken (Krämerladen) nehmen die Ausstellungen in nahezu allen Insel-Museen Besucher mit hinaus auf das Meer in den vergangenen Alltag der Fischer.

Es ist Abend geworden. Starr ruht die Insellandschaft unter dem silber-weißen Licht des nahen vollen Mondes. Winter in Lofoten, das ist die Farben verliebte Zeit der bunten Lichterspiele. Das Nordlicht am Himmel, schwebt wie wallende Schleier aus Grün, Gelb und Violett über Schwärme von Buchten, Fjorde und Scheren. Im März steigt das Licht wieder auf die Eilande herab. Die Tage dauern mindestens zehn Stunden, und im Mai feiern in der Mitternachtssonne Tage und Nächte eine Hochzeit des Lichts.

In Svolvaers "Magic Ice Bar" zeichnen Lichtmaschinen über kristallklaren Eisskulpturen das Nordlicht nach. So wie der bunte Zauber in der fünf Grad Minus eisigen Kunstbar, wechseln auch draußen vor der Tür die heiteren Lichtsymphonien unversehens in ein graues Moll. Ole Nysetvold nimmt einen kräftigen Schluck vom beerenstarken "Frost"-Schnaps. Vielleicht habe jener Amtmann im Jahr 1825 seine Tagebuchnotiz ja an einem dieser regnerisch milchigen Tage geschrieben, überlegt Ole. Bestimmt hat er recht.

Reise-Tipps:

Klima: Der warme Golfstrom beschert den Lofoten auch im Winter ein mildes Klima. Häfen und Gewässer sind meistens eisfrei. Das Nordlicht treibt bei kaltem, klarem Wetter sein buntes Spiel am Himmel.

Essen: Eine Spezialität sind gekochte Seeteufelfilets, gebratener mit Kräutern abgeschmeckter Seelacks oder über Tannenholzrauch gegarte Forellenfilets. Der kulinarische Spaß hat allerdings seinen Preis. Die Rechnung in Norwegens Restaurants fällt um mindestens 25 Prozent höher aus als in Deutschland. Für ein Menü zahlt man rund 45 Euro. Sehr empfehlenswert ist das Hafenrestaurant "Börse" in Svolvaer.

Walbeobachtungen: Im Winter finden Waltouren in den vielen Fjorden der Lofoten und Vesterålen statt. Hier sind mit großer Verlässlichkeit Orcas und Buckelwale zu sehen, gelegentlich auch Finnwale. Sie alle folgen dem Hering, der sich im Winter zu Millionen in den Fjorden aufhält. Im Sommer ist der wichtigste Ort die kleine Hafenstadt Andenes ganz im Norden der Vesterålen.

Reiseveranstalter: Reisen auf die Lofoten haben u.a. die Reiseveranstalter Dertour und Thomas Cook im Programm.

Weitere Informationen: Online unter www.lofotr.no und www.visitnorway.de

Literatur: Reiseführer "Lofoten", Edition Elch, 22,95 Euro. Bildband "Das Norwegen Buch", Kunth Verlag, 24,95 Euro.

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