New York Amerikas Phönix aus der Asche

Nach dem 11. September 2001 gab's diesen grandiosen Ausblick 13 Jahre lang nicht mehr. Seit 2014 ermöglicht ihn wieder der One-World-Trade-Center-Turm. Foto: Thomas Linsmeier

New Yorks neues World Trade Center: "Ground Zero" ist nun Mahnmal und Prestigeobjekt zugleich.

Unweigerlich kommen sie wieder, die Bilder vom 11. September 2001. Insbesondere auf diesem historischen Boden. Die Bilder, die jeden ganz individuell daran erinnern, wo ihn die Schocknachricht, dass ein Passagierflugzeug um 8.46 Uhr in den Nordturm des World Trade Center in New York eingeschlagen war, erreicht hat. Die Bilder, als um 9.03 Uhr ein zweites Flugzeug den Südturm traf und damit klar war, dass es sich um einen Terrorakt handelt - einer, der die Welt verändert sollte. Und vor allem die Bilder, als etwas später die beiden riesigen Wolkenkratzer, Wahrzeichen der Metropole des Welthandels, in sich zusammenbrechen. An sie erinnern, 16 Jahre danach, nur noch ihre beiden "Fußstapfen" in Form zweier gigantischer Brunnen.

Wunden sind verheilt

Auf den ersten Blick. Denn auch wenn das Chaos aus Schutt und verbogenem Stahl vom einstigen "Ground Zero" verschwunden ist, es ist dennoch allgegenwärtig im neuen World Trade Center, das wie Phoenix aus der Asche auferstanden ist - zu einem Mahnmal und auch Prestigeobjekt einer stolzen Nation. Die Angst vor dem Terror ist geblieben, durch schwer bewaffnete Polizisten und Straßensperren unübersehbar. Wie berechtigt sie ist, zeigte sich beim Anschlag am 31. Oktober, bei dem acht Menschen getötet wurden.

Lange hat es gedauert, bis die Wunden an der Südspitze Manhattans verheilt sind. Geblieben sind Narben, die erschüttern und beeindrucken zugleich. Das Areal des einstigen World Trade Center ist wieder ein Anziehungspunkt, für New Yorker wie Touristen. Das liegt sicherlich daran, wie die Erinnerung an den schwärzesten Tag in der jüngeren Geschichte der USA in das pulsierende Business-Leben integriert wurde. Grundsätzlich besteht das neue World Trade Center aus drei Hauptbereichen: dem Gedenkpark samt 9/11-Museum, dem One-World-Trade-Center, dem höchsten Gebäude der USA, und aus der Westfield-Shopping-Mall unter einem beeindruckenden architektonischen Bauwerk.

Gänsehaut unter der Erde

Gelungen ist das "National September 11 Memorial" auf dem Gelände der beiden Wolkenkratzer, die auch bereits vor September 2001 als World Trade Center weltweit Bekanntheit erlangt hatten. Es erinnert nicht nur an die 2.983 Menschen, die am 11. September 2001 dem Terror zum Opfer gefallen sind, auch an die des ersten Anschlags auf die Zwillingstürme im Februar 1993. Das Zentrum der 2011 eröffneten Parkanlage bilden zwei mächtige, neun Meter tiefe Brunnen, welche die "Fußabdrücke" der beiden zerstörten Zwillingstürme darstellen. Umrahmt sind sie von Kupfertafeln mit den Namen aller Opfer des Terroranschlags (inklusive der in Washington D.C. und in Pennsylvania) sowie der des Bombenanschlags im Februar 1993.

Was die wenigsten Besucher auf den ersten Blick erahnen: Unterhalb der Wasserfälle der Brunnen befindet sich ein Museum, das die Augenblicke dieser schrecklichen Stunden bewahrt. Über ein angrenzendes futuristisches Gebäude gelangen Besucher dorthin, ins 9/11-Memorial-Museum, das sich im einstigen Untergeschoss des World Trade Center findet. Es bildet das emotionale Herz der Gedenkstätte.

Rund 10.000 Ausstellungsstücke zeigen die individuellen Schicksale der Opfer und Helden. Eine vom herabfallenden Schutt zerstörte Feuerwehr-Drehleiter ist dort ebenso zu sehen wie die Fluchttreppe, über die sich Hunderte retteten. Gezeigt werden angekokelte Bürounterlagen, verschlissene Einsatzkleidung von Rettern, sogar das Shirt, das Rob O'Neill, der Mann, der den entscheidenden Schuss auf Osama bin Laden abgegeben haben soll, beim Sturmangriff der Navy Seals auf das Anwesen in Abbottabad/Pakistan getragen hat. Für Gänsehaut sorgt dagegen ein separater Bereich im Museum, in denen in Wort, Bild und Ton die Schicksale vieler Opfer geschildert werden, inklusive schockierender Fotos. Kurzum: Eine Ausstellung, die unter die Haut geht, sehenswert ist und - trotz US-typischen Pathos - die Erinnerung an die Menschen wachhält, die durch Terror ihr Leben verloren haben oder durch ihn zu lebenden Legenden wurden. Als "materielle Legende" kann auch das bezeichnet werden, was sich etwas südlich, auf der anderen Seite der Liberty Street findet.

Aussicht vom Dach der USA

Dort hat in einem kleinen Dachpark "The Sphere" ihren endgültigen Platz gefunden: Die Bronzeplastik des deutschen Bilderhauers Fritz Koenig. Sie stand einst zwischen den beiden Zwillingstürmen und überstand deren Zerstörung, wenn auch schwer beschädigt. Während der Neugestaltung des WTC-Areals wurde sie in den Battery-Park ausgelagert, kehrte nun in eine kleine Grünanlage nahe dem einstigen "Ground Zero" zurück.

Ist das Memorial-Areal dem Gedenken und der Trauer gewidmet, symbolisiert der benachbarte One-World-Trade-Center-Turm den Stolz der USA. Der 541,3 Meter (1.776 Fuß, was an das Gründungsjahr der USA erinnert) hohe Super-Tower, der Ende 2014 eröffnet wurde, ermöglicht Besuchern einen gigantischen Ausblick auf Manhattan und die Bucht von New York.

Schon der Aufzug zum 101. Stockwerk, der laut Sprecherin Lucia Rothe für die 400 Meter nur 30 Sekunden benötigt, ist ein Erlebnis: Eine Computer-Simulation zeigt täuschend echt, wie sich die Südspitze Manhattans aus einer unbewohnten Insel zum Zentrum des Welthandels der Gegenwart entwickelt hat. Der Panoramablick, der Besuchern ebenso spektakulär durch eine sich hochziehende Wand präsentiert wird, ist schlichtweg atemberaubend. Im 102. Stockwerk findet sich zudem ein öffentliches Restaurant - genauso wie es einst im Südturm der Zwillingswolkenkratzer zu finden war. Architektonisch betrachtet ist der neue Super-Wolkenkratzer, der ursprünglich Freedom-Tower heißen sollte, um 120 Meter höher als die eingestürzten Türme. Das liegt an der Antenne. Die Dachhöhen sind exakt gleich.

Gerippe eines Urvogels

Beim Blick von der Aussichtsetage nach unten fallen nicht nur die beiden mächtigen Brunnen, sondern auch ein eigenwilliges, schneeweißes Gebilde, das an das Gerippe eines Urvogels erinnert, auf. Wer dieses Gebäude über eines der beiden Eingänge im Westen und Osten betritt, wird überrascht sein: Im Inneren des "Oculus", wie es genannt wird, offenbart sich eine beeindruckende Architektur, die an eine moderne Kathedrale erinnert. Im Oval und in Nebengebäude finden sich auf rund 34000 Quadratmetern rund 100 Geschäfte der Westfield Shopping Mall, die es bereits im ehemaligen World-Trade-Center gab. Genauso wie den U-Bahn-Knotenpunkt darunter. Wem die teils hochwertigen Läden zu teuer sind, dem ist das Kaufhaus "Century 21", das sich gleich nebenan an der Cortlandt Street befindet, zu empfehlen. Es ist ein sehr zentral gelegenes, wenn auch etwas verwirrendes Outlet-Geschäft im Herzen von Manhattan.

Fazit: Der Financial District von Manhattan hat den Horror des 11. September 2011 überwunden. Auch wenn die Angst vorm Terror durch Straßensperren, schwer bewaffnete Polizisten und Sicherheitskontrollen gegenwärtig ist, das neue World Trade Center darf durch die gelungene Kombination aus Mahnmal, Attraktion und Shopping-Erlebnis als sehenswert bezeichnet werden. Und für alle, die sich noch an die Sekunden erinnern, in denen sie einst die Schock-Nachricht von diesem größten Terroranschlag in der Geschichte erreicht hatte, dürfte sich beim Besuch ein emotionaler Kreis schließen.

 

 

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