Moosburg Im Untergrund: Fotografen entdecken die Geheimnisse unter Moosburg

Versteckte Türen und überraschende Funde (Fotos oben): Ein wenig erinnert das Hobby von Marko Maier, Alfred Bold und Matthias Gabriel (von links) an die Geschichten, die im Kopf jedes Kindes herumspuken. Foto: Moosburg anders/seg

Der Bierkeller unter der Gaststätte Staudinger in Moosburg ist mehr als fünf Meter hoch und mindestens doppelt so tief unter der Erde. Die Luft ist feucht genug, dass der Atem kondensiert. Als der Wirt einmal vergessen hatte, die stählerne Tür zum Keller zu verschließen, schimmelte ihm angeblich das Büro durch. Zwei Ausgänge müssen einmal aus dem Keller geführt haben, vielleicht in die alte Brau-erei, wo jetzt das Café Wochenblatt beheimatet ist. Wer sie zugeschüttet hat und wann weiß niemand mehr. In diesem Keller hat Marko Maier gelernt, dass sein Hobby tödlich ausgehen kann.

Marko und seine Freunde Matthias Gabriel und Alfred Bold sind Urban Explorer. Auf der Suche nach dem perfekten Foto erkunden sie Orte, in die sich sonst niemand wagt: alte Villen, verlassene Kraftwerke – Orte wie der Keller unter der Gaststätte Staudinger. Zum Equipment gehören: Rucksäcke, Taschenlampen, gute Schuhe, Kameras, Objektive und Stative, die etwas aushalten, Funktionskleidung, ein Handy. Und Kerzen. Erlischt die Flamme, heißt es zurück in die Oberwelt – Sonst wird die Luft knapp.

Während seine Freunde ihre Ausrüstung aufbauen, setzt sich Matthias eine Kopfleuchte auf und erkundet den Keller, kriecht in Ritzen und robbt in Lüftungsschächte. Ihn treibt eine Geistergeschichte um. Denn die verschütteten Tunnel im Staudinger-Keller sind seiner Meinung nach nicht die einzigen, die es unter Moosburg gibt. Die anderen machen ihre Fotos, ihn zieht es ihn immer wieder zu den Eingängen zurück. Irgendwo muss es unter der Stadt noch Tunnel geben, die intakt sind, die sie erkunden und fotografieren können.

Alfred bekam seinen ersten Tunneleingang als Kind zu sehen. Seine Mutter packte ihn am Arm, als er zu nahe kam, und zog ihn weg. Dann war da der Proberaum seiner alten Punkband. „Wir waren in einem Keller und an der Wand gegenüber war diese riesige, verschüttete Tür“, sagt er. „Klar will man irgendwann wissen, wohin die führt.“ Heute, mit Anfang 30, holt er das nach, was er als Junge nicht durfte. Marko und er fotografieren ins Dunkel.

Wer bei Lichtverhältnissen wie im Staudinger-Keller gute Fotos machen möchte, braucht Geduld und Ahnung davon, was er macht. Das Bild richtig zu fokussieren klappt nur, wenn man den Punkt zuerst mit einer Taschenlampe ausleuchtet. Soll mehr als ein schwarzer Fleck zu sehen sein, muss Alfred es 20, 30 Sekunden lang belichten – genug Zeit, damit Marko durch das Foto laufen kann. Später ist von ihm nichts zu entdecken.

Sei nie allein unterwegs: Das ist die wichtigste Regel der Urban Explorer

Als die drei Urban Explorer ihre letzten Aufnahmen machen, sind die Kerzen noch nicht einmal ansatzweise am Verlöschen. Kopfweh, das erste Anzeichen eines beginnenden Sauerstoffmangels, haben sie aber schon eine Weile. Die wichtigste Regel der Gruppe lautet deshalb: Sei nie allein unterwegs. Regel Nummer zwei: Sag jemandem Bescheid, wohin du gehst und rufe nach der Tour an. Pläne von den Kellern unter Moosburg gibt es nämlich so gut wie keine. Also sei vorsichtig, wenn du die Abenteuer erlebst, die dich schon als kleines Kind umgetrieben haben.

Dass es Keller unter einer Stadt wie Moosburg gibt, ist nichts Besonderes, sagt Matthias. „Aber so viele und so gut erhaltene, das ist ungewöhnlich.“ Als „Mosabyrga“ wurde Moosburg 770 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Brände verwüsteten die Stadt. Im Dreißigjährigen Krieg kamen die Schweden auf ihren Plünderzügen vorbei. Die Fliegerbomben im Zweiten Weltkrieg verfehlten Moosburg allerdings.

So entstand eine Stadt, von der nicht wirklich klar ist, wie sie früher ausgesehen hat und unter der noch viele Keller und Tunnel erhalten sein müssten. Fast drängt sich ein Vergleich mit Städten wie Berlin, Hamburg und Paris auf, die mit ihren alten Tunneln und Katakomben nicht nur Urban Explorer, sondern mittlerweile auch viele Touristen anziehen. „Wär´ schon geil, wenn es sowas auch hier gäbe“, sagt Marco. Wissen tut es niemand, denn Karten gibt es keine mehr. Matthias, Marco und Alfred arbeiten aber daran, das zu ändern.

„Moosburg ganz anders“ heißt das Projekt, das sie ins Leben gerufen haben. Wissenschaftlich genau beschreiben die drei es als „Forschungsprojekt zur Dokumentation und Archivierung historischer Bauten“. Konkret wollen sie die Gebäude, in die sie gehen, nicht mehr nur fotografieren. Sie wollen auch ihre Geschichte ergründen. Quellen dafür sind das Heimatmuseum, Stadträte oder Anwohner, die über den begehrten Kellern leben. Um die Recherche kümmert sich vor allem Matthias – er redet mit Leuten, wühlt in Archiven und liest sich durchs Internet. Wie man es sich als kleines Kind vorstellt: Vor dem dunklen Labyrinth steht erst ein Besuch in der Bibliothek an.

Nebenbei umschiffen sie mit ihrer Recherche ein Problem, das viele Urban Explorer haben: Eigentlich ist das unerlaubte Betreten von Privatgrund Hausfriedensbruch, selbst, wenn der Ort eine Ruine ist. Inzwischen fotografieren die Drei nur noch in Gebäuden, für die sie eine Erlaubnis haben. Und diese kommen inzwischen immer schneller. „Die Mossburger kennen uns“, sagt Marko.

Und Alfred, Marko und Matthias kennen Moosburg. Die Keller und Tunnel haben ihnen die Augen für die Stadt geöffnet. „Man sieht einen Buckel vor einem Haus im Asphalt oder den Umriss einer Tür und schon gehen die Gedanken los: „Was ist da drunter?“, beschreibt Marko seine Sicht auf Moosburg. Vielleicht ist es ja ein weiterer Keller. Und dieses Mal sind die Tunneleingänge nicht zugemauert.

Information

Weitere Informationen über das Projekt „Moosburg ganz anders“ gibt es auf der Facebook-Seite www.facebook.com/moosburganders sowie auf dem Blog der Gruppe unter www.moosburganders.blogspot.de.

 

0 Kommentare

Videos