Italien Zu viele Touristen: "Wir sind voll"

Auch das kulturelle Venedig hat sich auf extrem unterschiedliche Gäste eingestellt. Wir kamen gerade zurecht zum Ende des "künstlerischen Wettstreits" vieler Länder mit ihren Pavillions, die von der Biennale di Venezia gerne den Goldenen Löwen mit heim nehmen würden. Dies gelang Anne Imhof mit dem "besten Nationalen Pavillon", dem deutschen. Zum Thema "Viva Arte Viva" schauten wir uns den irakischen Beitrag und den surrealistisch anmutenden Versuch an, aus Panzern Anregungen für ein Bild zu gewinnen. Das Leben der Kunst gegen den Tod.

Die ganze Kunstbiennale ist komplett abgehoben, zielt auf Mann und Monet und nicht auf Bus- und Kreuzfahrt-Reisende. Man muss sich nur Paola Baratta, den Präsidenten anhören: "Diese Biennale findet ihre Bestimmung gerade darin, die Existenz der Kunst und der Kunstschaffenden selbst zu feiern und ihnen sozusagen Dank abzustatten, die uns mit ihren Welten eine Aufweitung unseres Horizonts und unseres gesamten Daseinsraumes schenken. Eine Ausstellung, die sich am Humanismus inspiriert."

Dabei fürchten die Venezianer eher eine Einengung des eigenen Horizonts als dessen "Aufweitung". Nicht nur die Mafia - "Mafia No, Venezia è sacra", schreit eine Banderole an der Rialtobrücke -, Substanzschäden und Korruption gefährden die Stadt, die ein Jahr praktisch ohne Regierung dastand. Und von Touristen hat nicht nur der aktuelle Bürgermeister Luigi Brugnaro genug: "Wir sind voll." Als wir die Giudecca besuchten, schob sich gerade der massige Körper der AidaBella durch die Lagune an den gebrechlichen Häusern vorbei. Man kann den Bürgermeister verstehen. Lorenzo Quinns Skulptur "Support" reckt, wie um ihn zu unterstützen, verzweifelt die Hände aus dem Kanal. Oder sind es Hände der Gier, die nach den Palästen greifen?

Die Deutschen gelten als Inbegriff und Feindbild der touristischen Überwältigung. Wir waren zweimal im Konzert der Interpreti Veneziani in der Chiesa San Vidal. Die Ansprache, wie man sich bitte verhalten möge, erfolgte nicht auf Deutsch, dafür auf Russisch. Dabei sind die meisten ausländischen Besucher der Konzerte deutschsprachig. Sie wurden negiert. Da wäre sogar eine Ansage auf Chinesisch oder Japanisch sinnvoller gewesen, man möge bitte mit den Selfiesticks nicht die klassischen Instrumente beschädigen. Aber vielleicht hat man Russland als künftigen Markt im Auge. Dabei haben die Venezianer generell nichts gegen die Leute nördlich der Alpen. Derzeit läuft in der Accademia eine Ausstellung über die letzte "Gloria di Venezia", und ebenso wie die Ausstellung "dell' Settecento Veneziano" im benachbarten Palast Ca Rezzonico erhalten die Habsburger, die ein geplündertes Venetien aus Napoleons Nachlass erhielten und es bis 1866 behielten, viel Lob auf (vielleicht bestellten) zeitgenössischen Bildern. Immerhin sorgten sie für die Rückgabe des Markuslöwen und der Quadriga. Und auch Einheimische, die uns beobachteten, wie wir unsere Eindrücke mit bunten Farben auf Zeichenblöcken festhielten, kamen auf uns zu, um sich freundlich zu unterhalten. Es geht vielleicht also doch nur um den Menschen, der seine "Heimatstadt" liebt, und nicht um die Kurzbesucher, die mit den umweltschädlichen Ozeanriesen die Kulisse der Kanäle konsumieren, Sehenswürdigkeiten von einer Liste abhaken und nicht einmal Geld für die Übernachtung in der Stadt lassen - und wenn es das Arté wäre.

0 Kommentare

Kommentieren

null

loading

Videos