Freischreiben Rest in peace, Tiro! Svenja Schindler über den Ausbruch des Vesuvs

Die Bewohner von Pompeji wurden beim Ausbruch des Vesuvs unter Asche begraben. Daran erinnern Abgüsse. Foto: Sven Hoppe/dpa

Vor fast 2000 Jahren brach der Vulkan Vesuv aus und begrub dabei die an seinem Fuße liegenden Städte Pompeji, Herculaneum, Stabiae und Oplontis unter Asche. Svenja Schindler (17) erzählt nach, wie sich das für einen Bewohner angefühlt haben muss.

Wir schreiben den 24. August 79 nach Christus: Wie jeden Tag hatte mich mein Herr auch heute zum Brunnen geschickt, um Wasser zu holen. Ich eile hektisch durch die Straßen Pompejis, um keine Zeit zu verlieren. Mein Name ist Tiro und ich lebe schon seit meiner Geburt als Sklave bei einer Familie, die zu den reichsten der Stadt gehört. Als ich am Brunnen ankomme, sehe ich bereits eine kleine Gruppe von Menschen, die sich rings herum versammelt hat. Es dauert nicht lange und ich kann auch endlich meinen Eimer mit Wasser füllen. Doch gerade als ich ihn aus dem Brunnen heben will, ertönt ein lauter Knall.

Die Menschen um mich herum zucken zusammen und schauen sich verwirrt an. Plötzlich höre ich einen Mann rufen. Er steht mitten auf der Straße und deutet auf den Vesuv. Mir wird mulmig zumute. Noch nie zuvor habe ich so etwas gesehen. Eine hohe Fontäne steigt in den Himmel empor. Es sieht aus wie Feuer und färbt den Himmel blutrot. Die Menschen in der Straße reden wild durcheinander. Ich blicke nur entsetzt auf den Vesuv, bis ich merke, dass es mit jeder Sekunde dunkler zu werden scheint. Wie ist das möglich? Ehe ich mich versehe, ist der blutrote Himmel wie weggeblasen und stattdessen grau und vernebelt. Ich beobachte, wie sich Nebel in den Straßen ausbreitet. Menschen laufen mir entgegen. Ich kann ihre Gesichter nicht erkennen, der Nebel hat sich schon zu sehr verdichtet.

Ich höre Schreie und Hilferufe und spüre, wie mir das Atmen immer schwerer fällt, weshalb ich mein Gesicht unter dem Stoff meiner Toga verstecke.

Betende Menschen

Ich stolpere und pralle auf den harten Boden auf. Wie in Zeitlupe drehe ich mich nach allen Seiten um und sehe Bewohner vor ihren Häusern knien. Sie beten. Eine Frau fragt rufend, wieso die Götter verärgert wären. Auf der anderen Seite der Straße sehe ich einen Mann aus seinem Haus über den Hof laufen. Er hustet schwer und bekommt offenbar keine Luft. Mit jedem seiner Schritte scheint ihm das Atmen schwerer zu fallen. Kurz bevor er die Straße erreicht, fällt er hin und sein Keuchen verstummt.

Ich möchte gerade aufstehen, da fällt etwas neben mir auf die Straße. Erschrocken weiche ich zurück und, als ich mich umdrehe, sehe ich überall Gesteinsbrocken auf den Boden prasseln. Es regnet Steine! Wie blind renne ich panisch los.

Ich verstecke mich in einem steinernen Haus. Es wird Nacht und der Lärm legt sich. Ich gehe nach draußen und schaue mich um. Ich entdecke Menschen, die erstickt oder von Trümmern erschlagen wurden. Aber es gibt auch Überlebende. Ein paar Menschen suchen in verschütteten Häusern nach ihren Familien oder helfen Verletzten. Ich kann den Anblick nicht ertragen. Pompeji ist nicht mehr das, was es einmal war. Mir wird bewusst, wie gut es die Götter mit mir gemeint haben.

Wie in Trance gehe ich die Straße entlang. Plötzlich vernehme ich hinter mir seltsame Geräusche. Ich drehe mich um. Der Vesuv leuchtet rot. Dunkle Wolken steigen empor. Dieses Mal spuckt er eine feurigrote Flut. Ich stehe wie angewurzelt da. Die Glutlawine breitet sich bis ins Tal aus. Fassungslos sehe ich dabei zu, wie sie alles, was sich in ihrem Weg befindet, zerstört. Dann wird mir schwarz vor Augen.

Pompeji heute

Dem Ausbruch des Vesuvs fielen Tausende Menschen zum Opfer. Er zerstörte die Stadt und ließ sie zu einer Legende werden. Pompeji lag über 1500 Jahre unter einer bis zu 25 Meter dicken Schicht aus vulkanischer Asche und Bimsstein begraben, bis im 18. Jahrhundert gezielte Grabungen unternommen wurden. Heute sind die Überreste des Ortes ein vielbesuchtes Reiseziel von Touristen.

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