Freischreiben Interview: Der Zweite Weltkrieg aus der Sicht einer Zeitzeugin

Ines Kiefl (19, links) mit ihrer Uroma Mechthilde Platzer. Foto: privat

Die Uroma von Freischreiben-Autorin Ines Kiefl ist 88 Jahre alt. Sie hat den Zweiten Weltkrieg als Kind erlebt. Von ihren Erinnerungen erzählt sie ihr in einem Interview.

Die Zeit des Nationalsozialismus gerät immer mehr in Vergessenheit. Wir lernen darüber etwas im Geschichtsunterricht oder besichtigen Konzentrationslager, die als historisch wertvolle Denkmäler gelten. Doch dass diese Zeit des Zweiten Weltkriegs noch gar nicht lange her ist, wird mir vor allem durch das Gespräch mit meiner Uroma Mechthilde Platzer (88) klar.

Hallo Uroma, wie machte sich die Regierung Hitlers in deiner Kindheit bemerkbar?

Mechthilde Platzer: In der Schule gab es kein „Grüß Gott“, sondern ein „Heil Hitler“ zur Begrüßung. Wer sich nicht daran hielt oder Schlechtes über ihn sagte, wurde sofort vom Lehrer bestraft. Auch mussten wir Hitlerlieder singen oder zusammen den Spruch „Hitler liebt die Kinder, wir haben ihn auch gern“ aufsagen. Vor allem war schlimm, dass wir in ständiger Angst waren und uns nie sicher gefühlt haben.

Wovor hattest du am meisten Angst und was war das schlimmste Ereignis während dieser Zeit?

Die Angst war eigentlich immer da und man traute sich kaum, nach draußen zu gehen. Gefürchtet habe ich mich vor den Bomben, die jeden Moment herunterfallen konnten. Oft habe ich mich versteckt und einmal rannte ich sogar um mein Leben. Als ich bemerkte, dass ein Flugzeug über mir war und jemand auf mich schießen wollte, habe ich es gerade noch zur Haustüre geschafft. Danach habe ich den Schuss gehört, der zum Glück nicht mich, sondern das Dach erwischt hatte. Ein anderes schlimmes Ereignis war für mich und für meine ganze Familie die Bombardierung Chams. Das war furchtbar.

Du sprichst von deiner Familie. Waren denn alle zu Hause?

Nein, mein Vater war im Krieg. Er war in Regensburg und wir hatten sehr viel Arbeit mit der Landwirtschaft, da mein Vater ja nicht mithelfen konnte. Als er heimlich zu Fuß nach Hause ging, waren wir so freudig und erleichtert. Dann musste er sich in Cham melden. Das war wieder mit viel Angst verbunden, da wir nicht wussten, ob er wieder von Cham zurückkommt oder mitgenommen wird wie viele andere Männer.

Hat man denn von den Konzentrationslagern gewusst?

Nein. Man wusste zwar, dass Hitler etwas gegen Juden und andere Minderheiten hatte, aber dass er sie vergaste, konnte ja niemand ahnen. Oft wurde gemunkelt, dass Hitler gewisse Personen mitnehmen ließ, man wusste aber nicht, wohin sie kamen und was er mit diesen vorhatte.

Kriegsende: Wie klingt das für dich?

Vom Ende des Krieges erfuhren wir im Radio. Die Freude war natürlich sehr groß. Unsere Familie war wieder beisammen, die Angst war endlich weg. In den Städten war vor allem Hungersnot vorherrschend – auch schon während des Krieges –, aber wir am Land hatten da weniger Probleme, da wir uns mit der Landwirtschaft selbst versorgen konnten. Der Krieg war wirklich keine schöne Erfahrung. Wäre dieser nicht gekommen, wäre ich Lehrerin geworden…

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