Freischreiben Flammenkind: Eine Kurzgeschichte von Magdalena Wutz

Die Kurzgeschichte im September kommt von Magdalena Wutz. Foto: ccvision.de

Es ist noch niemand da. Die Flammen schießen aus den Fenstern und dem Dachstuhl und das Martinshorn hallt weit hinaus, bis die Mauern der Stadt das Echo zurückwerfen. Während wir die Schläuche verlegen und alles vorbereiten, glaube ich, dass mir die Signaltöne der Sirene durch alle Glieder dringen.

Irgendetwas ist anders. Ich will es nicht wahrhaben, aber es ist, als ob ein Blei-Gefühl an meinem Herzen hängt, das mich nach unten zieht. Ich rücke meinen Helm zurecht, gebe ein Zeichen und versuche, das ungute Gefühl zu unterdrücken. Paul und ich rennen in die Flammen hinein. Qualm umgibt uns, der wie eine unbesiegbare Bestie wirkt. Wir gehen in den ersten Raum – es ist das Wohnzimmer – und sehen eine Frau und einen Mann bewusstlos auf dem Boden liegen. Paul deutet mir mit Gesten an, dass wir zunächst die Frau nach draußen bringen. Vorsichtig bahnen wir uns mit ihr den Weg durch den Rauch. Sobald wir den Flur betreten, kommen uns zwei Kollegen entgegen. Ich nicke zum Wohnzimmer hinüber, woraufhin sie im Raum verschwinden, um den Mann zu retten. Paul und ich machen uns auf den Weg nach draußen.

Es sind nur noch ein paar Meter bis zur Haustür, aber sie kommen mir endlos vor. Mit jedem Schritt werden meine Beine schwerer und als der Notarzt die Frau übernimmt, spüre ich das Blei-Gefühl, wie es sich in meinem gesamten Brustkorb ausbreitet. Meine Lunge zieht sich zusammen und ich schlucke, während ich versuche, die aufkeimende Atemnot zu unterdrücken. Doch als meine Kollegen den Mann zum Rettungswagen bringen und zusätzliche Einsatzkräfte im Haus nach weiteren Verletzten suchen, fällt die Luftnot von mir ab wie Herbstlaub von den Bäumen. Das Blei-Gefühl jedoch bleibt.

Ich setze mich in das Einsatzfahrzeug, um den Atemschutz abzunehmen, weil ich eine Pause brauche. Langsam schraube ich den Verschluss einer Wasserflasche auf und trinke. Ich bin froh, dass die Atemnot nachgelassen hat, weil niemand davon erfahren darf. Ich verstecke meine Krankheit. Niemand soll mich so sehen. Niemand. Mein Blick ruht auf dem Notarzt und den Sanitätern, wie sie sich um die Verletzten kümmern, als die Frau die Augen aufschlägt. Sie fragt nicht, wo sie sei. Sie fragt nicht nach dem Geschehen. Sie schreit, wo ihr Kind sei. Es scheint, als ob die Welt einen Moment lang stillstünde. Als brauche die Welt einen Moment, um zu verstehen. Aber dann kehrt die Welt in die Wirklichkeit zurück und der Schrei prallt an den Fensterscheiben des Einsatzfahrzeuges ab. Ich schlucke hart.

Warum, verdammt, haben wir das Kind nicht gefunden? Wenn es wirklich noch im Haus ist, gibt es drei Möglichkeiten: Das Kind ist verbrannt, erstickt oder hat wie durch ein Wunder überlebt. Ich weiß, dass die dritte These Wunschdenken ist, aber die ersten zwei Tatsachen will ich nicht wahrhaben.

Ich springe aus dem Wagen und stelle mich neben das Geräteabteil des Einsatzfahrzeuges. Stumm betrachte ich die Flammen, wie sie aus den Fenstern lodern. Die Zeit fühlt sich an, als sei sie Sand in einer Sanduhr, welche nach wenigen Sekunden abgelaufen ist. Ich muss mich entscheiden. Jetzt. Und das tue ich.

Hastig greife ich in das Geräteabteil, um nach einer Atemschutzausrüstung zu suchen. Ich lehne mich gegen das Einsatzfahrzeug und ziehe sie an. Ein letztes Mal sehe ich den Flammen dabei zu, wie sie aus dem Dachstuhl lodern. Und dann laufe ich.

Es ist mehr als gefährlich, das Haus zu betreten, weil es instabil aussieht, doch den Gedanken, dass darin ein Kind ist, das jämmerlich stirbt, kann ich nicht ertragen. Die Worte, die mir meine Kollegen nachrufen, werden von den Flammen erstickt, die mich umgeben, als ich die Küche betrete. Der Boden unter mir knarzt und das bedrückende Blei-Gefühl glimmt wieder auf. Doch in mir dreht sich ständig der eine Satz: „Wo ist das Kind?“

Ich stoße die Tür zum Nebenraum auf. Mein Blick fällt auf das Bettchen, das neben einem Fenster steht und von einem Flammenmeer umgeben ist. Mir schießen die Tränen in die Augen, als ich das Kind sehe. Es ist ein Baby.

Vorsichtig hebe ich es hoch. Oh Gott. Ich habe es. Das Baby liegt in meinen Armen – und die Flammen nehmen im selben Moment das Bettchen ein. Schützend lege ich eine Hand um das Baby und hoffe, dass es noch nicht zu spät ist. Dass sich das Kind erholt. Als ich an der Tür ankomme, wird mir plötzlich die Luft knapp.

Was ist das? Ich atme hastig, doch an der Treppe bin ich am Ende meiner Kräfte. In meiner Atemschutzmaske ist Rauch. Mit brennenden Augen sehe ich das Kind an, ehe ich kraftlos zusammensinke – mit dem Baby in meinen Armen. Und da erinnere ich mich.

Ich habe die Ausrüstung erwischt, die ich beim letzten Check aussortieren wollte, weil sie nicht mehr funktionstüchtig ist. Doch dann habe ich einen wichtigen Anruf erhalten und später nicht mehr daran gedacht, dass ich die Ausrüstung entsorgen muss. Ich huste und spüre die Enge in meinem Brustkorb. Mein einziger Gedanke ist, dass ich das Kind nach draußen bringen muss. Es sind nur noch ein paar Meter.

Ich atme flach und kämpfe mit mir, bis ich den letzten Rest meiner Kraft zusammenkratze. Mit wackeligen Beinen schleppe ich mich auf den Flur, wo ich mich am Treppengeländer festklammere und mich zur Haustür vortaste. Es geht langsam, aber ich schaffe es, wieder einigermaßen sicher zu gehen. Der Rauch reizt meine Lunge und es sind unkontrollierte Bewegungen, die mich nach draußen bringen. Ich habe es geschafft.

Der Notarzt nimmt mir das Baby ab. Ich… Ich spüre, wie mir die Füße wegknicken und ich zu Boden gehe. Irgendjemand redet mit mir und ich fühle die kühle Luft an meinen Wangen. Jemand muss mir die Atemschutzmaske abgenommen haben. Ich spüre, wie meine Lippen sanft zu lächeln beginnen, als ich den Schrei des Babys wahrnehme. Dann ist es ruhig, nur eine leise Stimme an meinem Ohr flüstert, dass ich bei mir bleiben solle.

Ich will nicht bei mir bleiben, nicht hierbleiben. Da ist dieses Licht. Ich drücke mir die Hand auf die Brust, um den Schmerz, der in meiner Lunge aufsteigt, zu lindern und im selben Moment wird alles schwarz. Der Lungenkrebs und der Rauch sind zu viel für meine Lunge gewesen.

Eine sanfte Stimme begleitet mich auf den Stufen nach oben. Das Licht ist am Ende der Treppe. Es ist hell, aber es blendet mich nicht. Niemals würde es mich blenden. Eine Hand greift nach meiner und führt mich zum Ende meines Lebensweges. Ich gehe den letzten Schritt auf dem Weg, den Gott für mich vorgesehen hat. Dann berühren meine Füße den Schotter des neuen Weges. Ich laufe in die Hand Gottes. Mit dem Wissen, einem Baby das Leben gerettet zu haben. Und wenn Gott es zulässt, werde ich jederzeit meine Hand über das Kind halten, um zu verhindern, dass ihm jemals wieder so etwas Schlimmes widerfährt.

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