Freischreiben Ein bisschen erschüttert – Eine Kurzgeschichte von Magdalena Wutz

Schlafen, Kopfschmerzen und eine überraschende Wendung: Was passiert in der Kurzgeschichte von Magdalena Wutz? Foto: ccvision.de
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Schlafen, Kopfschmerzen und eine überraschende Wendung: Was passiert in der Kurzgeschichte von Magdalena Wutz? (Foto: ccvision.de)

Eddie liegt schnurrend am Ende meines Bettes. Sein Bauch hebt und senkt sich gleichmäßig, seine Augen sind geschlossen. Ich drehe mich auf die andere Seite und versuche, eine bequeme Liegeposition zu finden, doch das Bett fühlt sich an, als sei es aus Steinen, deren Spitzen mir in die Wirbelsäule stechen. Fluchend reiße ich die Bettdecke von mir.

Sie landet wie ein zusammengeknüllter Haufen auf Eddie, der erschrocken hochfährt und sich eilig aus der Decken-Höhle schält. Er leckt sich seine Pfoten, wirft mir einen empörten „Boah-ey-ich-will-hier-schlafen“-Blick zu und legt sich wieder hin. Mit einem Mal wird die Tür aufgerissen und mein kleiner Bruder kommt herein.

Er ist bereits fertig umgezogen und trägt seinen Kindergarten-Rucksack auf dem Rücken. „Dein Hirn, ist das jetzt schon wieder an der richtigen Stelle?“, fragt er, während er mich aus seinen eisblauen Augen unverwandt ansieht. Ich runzle die Stirn und frage mich, ob ich gerade richtig gehört habe oder mein Hirn die Informationen nicht richtig verarbeitet hat, weil es sich immer noch wie ein schmerzender Haufen Beton anfühlt.

„Dein Hirn ist doch erschüttert worden!“, ruft Max. Ich lache gequält. „Stimmt. Aber es ist nie an der falschen Stelle gewesen“, erkläre ich ihm. „Und wann musst du wieder zum Onkel Doktor? Horcht er dich wieder mit seinem Horoskop ab?“, will Max wissen. Ich muss erneut lachen. „Das heißt Stethoskop. Und ja, ich muss morgen nochmal zum Onkel Doktor“, sage ich.

Mozart, unser Bernhardiner, steht mühsam aus seinem Korb auf und läuft in die Küche. Wenige Sekunden später rennt Eddie ihm schnurrend hinterher. Die beiden sind ein Herz und eine Seele. „Max, wir müssen los!“, klingt Mamas Stimme im Flur. Max drückt mich, dann steht er auf und läuft aus dem Zimmer. „Luzie? Eddie und Mozart habe ich gerade gefüttert. Falls du was brauchst, rufst du an, ja?“, ruft Mama. „Ja!“, schreie ich und drücke mir den Waschlappen an die Stirn. Die Tür fällt ins Schloss und ich drehe mich auf die andere Seite. Als ich die Augen schließe, vernehme ich das Tapsen von Hundepfoten – Mozart. Er legt sich zurück in seinen Korb und döst vor sich hin. Seufzend ziehe ich mir die Decke über den Kopf.

Schlaf hätte mir jetzt gutgetan. Aber daran ist nicht zu denken. Ich fühle mich so miserabel, dass ich nicht in den Schlaf finde. Mein Kopf ist wie eine Glühbirne kurz vorm Durchbrennen. Verflucht. Ein leichtes Nachgeben meiner Matratze zeigt mir, dass auch Eddie seinen Platz wieder eingenommen hat. Ich ziehe die Bettdecke nach unten und fasse mir an die Stirn. Himmel, der Waschlappen ist schon wieder grässlich warm. Ich muss ihn wechseln.

Mein Hirn produziert eine solche Hitze, dass man mich als lebendige Herdplatte hätte benutzen können. Wasser hätte ich mühelos in zehn Sekunden zum Sprudeln bringen können. Ich versuche, mich aufzusetzen, woraufhin meine Augen mit Sternchen im Zimmer reagieren und mein Kopf drohend zu pochen beginnt, als sei er kurz vor dem Zerplatzen. Okay, Liegenbleiben ist vielleicht doch nicht die dümmste Idee. Erschöpft lasse ich mich zurück ins Kissen sinken. Dann würde ich eben mit einem warmen Waschlappen auskommen müssen. Ich trinke einen Schluck von meinem Tee, decke mich zu und rolle mich wie ein Baby zusammen, in der Hoffnung, doch noch schlafen zu können.

Ich weiß nicht, wie ich in den Schlaf gefunden und wie lange ich vor mich hingeschlummert habe, doch es ist definitiv noch hell draußen, als mich ein schepperndes Geräusch aus meinen Träumen reißt. Ich fahre erschrocken hoch, woraufhin sich mein Gehirn mit einem fiesen Pochen bei mir bedankt. Ich verziehe das Gesicht, als ein weiteres Geräusch ertönt. Was zum Teufel ist das? Randalieren Eddie und Mozart etwa in der Küche?

Ich sehe alarmiert ans Bettende, dann in Richtung Mozarts Korb. Fehlalarm. Beide liegen auf ihren Plätzen. Ich lege mich wieder hin. Wahrscheinlich habe ich Halluzinationen, schließlich bin ich Besitzerin einer lästigen Gehirnerschütterung geworden und wäre da irgendein verdächtiges Geräusch, hätte Mozart schon längst Alarm geschlagen. Aber der liegt ruhig in seinem Korb, alle vier Füße von sich gestreckt.

In diesem Moment nehme ich Schritte wahr. Sie sind dumpf und passen auf gar keinen Fall zu Max, meiner Schwester oder Mama. Ich will es gerade wieder als eine Halluzination abtun, als Mozart anschlägt. Eddie erschrickt so, dass er hochfährt und einen Buckel aufwirft. Jetzt ist Mozart nicht mehr zu bremsen: Er kratzt an der Tür und bellt wie verrückt.

Mir wird erst bewusst, dass ich keine Halluzinationen haben kann, als ich schon aufgestanden bin und Mozart aus dem Zimmer lasse. Verdammt, ich habe doch richtig gehört! Mein Herz verkrampft sich zu einem pochenden Knoten und meine Gehirnerschütterung macht sich durch Schwindel bemerkbar. Eddie stürzt an mir vorbei und ich stolpere ebenfalls aus dem Zimmer.

Der Gedanke, gleich einem Einbrecher zu begegnen, schnürt mir die Kehle zu. Ich überwinde irgendwie die Treppe und erreiche schließlich mit Not die Tür zum Eingangsbereich, wo Mozart sich die Seele aus dem Leib bellt. Als ich weitere Schritte vernehme, erstarre ich zu Stein. Was, wenn der Einbrecher die Tür eintritt, mich fesselt und die ganze Bude leerräumt? Eine Welle purer Panik überkommt mich. Ich kann nicht nach draußen gehen und nachsehen. Auch dann nicht, wenn ich Mozart vorschicke.

Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. Soll ich mich in der Küche verbarrikadieren? Oder doch lieber aus dem Fenster springen? Plötzlich entdecke ich den Tennisschläger meiner Schwester, der an der Wand lehnt. Oh, ich hätte meine Schwester knutschen können! Nie wieder würde ich ihr vorwerfen, dass sie ihren Sportkram überall liegen lassen würde. Ich schnappe mir den Schläger und überlege kurz, ob ich Mozart beauftragen soll, den Einbrecher in den Allerwertesten zu beißen, reiße aber dann die Tür auf und verschanze mich dahinter. Mozart stürzt hinaus – und beginnt, mit dem Schwanz zu wedeln. Was zum Teufel…?

„Blöder Hund“, denke ich, „Einbrecher begrüßt man nicht durch Schwanzwedeln.“ Ich umklammere den Tennisschläger fester und als sich eine Person durch den Türrahmen schiebt, hole ich aus und schlage mit voller Wucht zu, woraufhin die Person schreiend zu Boden fällt. Eddie erschrickt so, dass er faucht und in die Luft springt. Nun, der Einbrecher ist hiermit offiziell erledigt. Als ich auf ihn herabblicke, runzle ich die Stirn.

Komisch, der Typ sieht aus wie mein Mitschüler. Aber vermutlich macht sich meine Gehirnerschütterung wieder bemerkbar. „Sag mal, geht’s noch?“, ruft der Einbrecher und richtet sich auf.

Oh. OH! Der Typ IST mein Mitschüler.

Mein Sprechzentrum scheint in dieser Situation den Dienst zu verweigern. „Mann, Luzie, ich wollte doch nur die Hausaufgaben vorbeibringen. Und was machst du? Schlägst mich halb tot!“, ruft er. „Ich habe gedacht, äh, hier wäre ein Einbrecher… Ich habe Geräusche gehört“, stammle ich. Himmel, was habe ich angestellt? „Die Tür ist nicht abgeschlossen gewesen, da bin ich reingegangen. Blöderweise bin ich gegen die Kommode gelaufen und das ganze Zeug ist runtergefallen!“, erzählt er.

  1. Autor

    Magdalena Wutz
  2. Datum

    15.05.2017 15:34 Uhr
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