Auslandstagebuch Eintrag 7: Ein schönes Reisemitbringsel - 23. November 2017

Vergangene Woche waren Mid-Term-Ferien in Ghana. Das heißt, ich hatte offiziell eine Halbe Woche frei zum Relaxen. Also fragte ich schon ein paar Wochen davor bei Klara, einer Freundin, mit der ich gerade das Abitur gemacht habe und die zufällig auch ein freiwilliges soziales Jahr in Ghana macht, ob ich sie nicht besuchen kommen könnte. Sie lebt derzeit mit einem weiteren Mädchen aus Nürnberg und vier Jungen aus Österreich in der Institution der Brüder Don Bosco in der Nähe von Sunyani. Da sie aber auch Mid-Term-Ferien hatten und gerne an die Küste wollten, einigten wir uns darauf, dass ich mit ihnen an die Küste fahre.

Da die Gruppe aus Sunyani schon Mittwochabend die Reise an die Küste antreten wollte, beschloss ich, schon am Dienstag anzureisen. Man weiß nie, wie lange man in Ghana für eine Strecke von über 300 Kilometern braucht. Der Bus sollte um 6 Uhr morgens abfahren und so war ich auch pünktlich an der Busstation. Nur der Bus war nicht da. Die Frau am Schalter versicherte mir jedoch, dass der Bus bald kommen würde und ich dann mein Ticket kaufen könnte. Allerdings könnte ich auch mit dem Bus nach Kumasi fahren, müsste aber dann umsteigen. Nach einer halben Stunde, in der der Bus nach Sunyani immer noch nicht gekommen war, sagte die Frau am Schalter, dass sie jetzt auch nicht mehr wisse, ob der Bus überhaupt noch kommt. Also beschloss ich widerwillig ein Ticket nach Kumasi zu kaufen. Gerade als ich das Ticket gekauft hatte und meinen Sitzplatz einnahm, fuhr natürlich der andere Bus ein, den ich eigentlich hätte nehmen müssen. Tja, zu spät!

Dieses Glück verfolgte mich dann noch ein bisschen weiter: Nachdem wir nicht einmal 20 Minuten gefahren sind, ging der Bus kaputt und wir mussten fast zwei Stunden auf einen Ersatz warten. Währenddessen fuhr natürlich der Bus nach Sunyani an uns vorbei und ich kam mir ziemlich verarscht vor. Der Rest der Reise verlief dann recht reibungslos, bis zu dem Punkt, als mich ein älterer Mann dazu aufforderte in irgendeiner Stadt auszusteigen, weil er auch nach Sunyani müsse. Also bin ich ihm einfach mal gefolgt und so stiegen wir in ein Taxi, das uns dann auch tatsächlich dorthin brachte, wo wir hin wollten.

Den nächsten Tag verbrachte ich damit, mir die Arbeit von Klara zeigen zu lassen und über den so genannten Wednesday-Market zu schlendern, bevor es mit dem Nachtbus Richtung Accra ging. Der Markt war in Sachen Größe nicht zu vergleichen mit dem Markt in Wa und so konnte ich mich erst gar nicht an den verschiedenen Sachen satt sehen.

Ich durfte sogar noch einen Blick in die Arbeit der Don-Bosco-Freiwilligen erhaschen. Klara, die Freundin aus Landshut, hat in Sunyani nachmittags oft die Aufgabe, auf kleine Kinder aufzupassen. Dabei durfte ich live dabei sein. Das hat sich ungefähr so abgespielt, wie man es sonst nur aus Dokumentationen kennt: Alle Kinder kommen auf dich zugerannt, umarmen dich, oder klettern an dir hoch. Dabei rufen sie ganz laut „Obruni“, was „weißer Mann“ auf Twi, die am weiten verbreiteteste Sprache in Ghana heißt. Es ist zwar verdammt anstrengend und ich habe keine Ahnung, wie Klara das jeden Tag aushält, aber es ist doch auch irgendwo schön, wenn man in glückliche Kinderaugen schaut.

Abends kletterten wir dann auf die Ladefläche eines Pickups und fuhren darauf zur Busstation, um den Nachtbus nach Accra zu nehmen. Unglaublicherweise hat dies einwandfrei geklappt und so kamen wir um halb vier in der Nacht in Accra an. Eine Zeit, in der man normalerweise besonders als Weißer NICHT in Accra herum streifen sollte!

Glücklicherweise stand uns auch gleich ein Tro-Tro zur Verfügung, dass wir nach einigem Verhandeln um den Preis, nach Kokrobite nahmen.

Lage Rede, kurzer Sinn: Eine Stunde später standen wir standen wir in unserer Herberge, Big Milly’s Backyard, welche direkt am Strand war und bezogen unsere Betten in einem Schlafraum für 33 Cedi (weniger als 7 Euro) die Nacht.

Da wir für die erste Nacht, die ja schon fast vorbei war, nichts bezahlen mussten, investierten wir das Geld gleich darauf in ein Bier, setzten uns an den Strand und warteten auf den Sonnenaufgang. Als endlich die ersten Sonnenstrahlen das morgendliche Ghana küssten, „füllte“ sich der Strand auch schon mit Gras rauchenden Rastas und den ersten Fischern. Einer der Rastas stieß mit einem Stock ein Paar Kokosnüsse von der Palme, unter die wir uns gesetzt haben, und gab uns die Kokosmilch zu trinken, bevor wir im Meer baden gingen. Besser konnte der erste Tag nicht beginnen!

Die restlichen Tage verbrachten wir meistens am Strand und im Wasser, was jedoch nicht ganz ohne ist. Zwar ist das Meer, obwohl es der Atlantik ist, angenehm warm. Die Wellen sind jedoch saugefährlich. Sie sind teilweise zwei Meter hoch und bei Ebbe wird man schnell ins offene Meer gezogen, so dass man wirklich kämpfen muss, um zurück zu kommen. Für Surfer ein Paradies, für Schwimmer eher schlecht! Wenn wir nicht gerade im Wasser waren, sind wir mit ein paar Einheimischen abgehangen oder in Kokrobite herumspaziert, wobei mir ein großer Unterschied zum Norden aufgefallen ist: Dort an der Küste ist, wer hätte es gedacht, alles sehr touristisch ausgelegt und die Leute versuchen wirklich, dich bei allem abzuzocken. Wenn man aber schon fast drei Monate in Ghana lebt, bekommt man dafür bereits ein kleines Gespür.

Gefrühstückt haben wir immer in unserer Unterkunft – nicht ganz billig, aber dafür „gut“. Unter anderem gab es dort auch ein Breakfast-Baguette, mit Bohnen, Ei und Wurst, das einer meiner Mitreisenden zwei Mal zum Frühstück gegessen hatte und das verdammt gut aussah. Zwar hatte er sich danach immer über kleine Magenprobleme beklagt, aber das war es mir am vorletzten Morgen wert… Meine Damen und Herren: Ein Fehler! Anfangs hatte ich zwar auch nur ein flaues Gefühl im Magen, aber über Nacht transformierte sich dieses Gefühl in starke Bauchkrämpfe, die bis zum nächsten Tag nicht besser wurden, der Tag, an dem ich über zwölf Stunden mit dem Bus nach Wa fahren musste…

Weil es aber alles nix half machte ich mich Sonntagvormittag wieder auf den Weg zurück nach Accra und rief Chris an, meinen besten Freund aus Kaleo, der gerade in Accra studiert. Spontan wurde ich dann von ihm auf die Hochzeit im familiären Kreis seines Onkels eingeladen, bei der ich überraschenderweise viele bekannte Gesichter aus Kaleo zu sehen bekam. Die eigentliche Hochzeit wäre am Tag zuvor gewesen, bei der über 1000 Leute eingeladen waren. Ich habe mal in einem Blogeintrag geschrieben, dass einer von Chris' Onkel ein wichtiger Mann in der ghanaischen Polizei ist. Am Sonntag war nur eine Art Nachfeier im engsten Kreis. Nichtsdestotrotz war es schön und ich wurde ein wenig von meinen Bauchproblemen abgelenkt. Dennoch musste ich mir vor der Busfahrt noch ein Medikament für die nächsten 12 Stunden holen und die Apothekerin gab mir eines gegen Amöbenruhe. Ich war erst ein bisschen verwirrt, aber mir blieb nichts anderes übrig, als es zu nehmen. Im Bus legte ich mich gleich schlafen, um die qualvolle Zeit so gut wie möglich zu überstehen. Als sich mein Gemütszustand zurück in Kaleo noch verschlimmerte, musste ich ins Krankenhaus. Und mein Lieblings-Mitbringsl aus Kokrobite war dann eine Lebensmittelvergiftung. Zwar wollte mich der Arzt über Nacht noch im Krankenhaus behalten, aber lieber sterbe ich daheim als in einem Krankenhaus.

Eine Hiobsbotschaft folgte der anderen: Am nächsten Tag musste ich erfahren, dass während ich weg war, meine Lieblingsbar einfach abgebrannt ist… Es heißt, es war Brandstiftung, aber wer würde denn eine Bar anzünden und vor allem, meine Stammbar? Nun ja, jetzt habe ich alles überstanden und heute sind die ersten drei Monate um, das heißt: Ein Viertel meines Freiwilligendienstes ist bereits vorüber. Wenn ich jetzt Bilanz ziehen müsste, würde ich sagen, dass es hier wirklich schön ist und es geht mir meistens gut. Warum nur meistens? Natürlich gibt es immer wieder Probleme hier, vor allem, was den Unterricht angeht. Es fällt mir echt schwer, in eine Klasse reinzugehen, ohne zu wissen, was ich ihnen jetzt eigentlich noch beibringen soll. Wenn man mit der Theorie schon längst fertig ist, man schon zum zehnten Mal alles wiederholt hat und man vor einer Klasse steht, die endlich mal Computer benutzen wollen und du es ihnen einfach nicht ermöglichen kannst, ist das ziemlich deprimierend. Oft hat man hier nicht viel zu tun und man muss sich die Zeit irgendwie todschlagen. Dann kommt es natürlich auch mal vor, dass man zu denken anfängt, ob die Entscheidung, nach Ghana zu gehen, richtig war, vor allem wenn man sich gerade mit der Freundin über WhatsApp streitet. Manchmal vermisst man Deutschland, die Familie, die Freunde und die Freundin. Manchmal denkt man sich hier einfach nur: „What the fuck?“ Manchmal hat man hier tagelang kein fließendes Wasser und man möchte doch so gerne mal wieder richtig duschen und sich nicht mit einem Eimer Wasser waschen. Aber meistens bin ich hier glücklich und genieße jeden einzelnen Augenblick meines Auslandsjahres, weil ich mir denke, dass das hier eine einzigartige und einmalige Zeit ist und ich jetzt schon Ghana und das Leben hier vermisse, wenn ich nur daran denke wieder in Deutschland zu sein

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