Auslandstagebuch Eintrag 7: Ein schönes Reisemitbringsel - 23. November 2017

Vergangene Woche waren Mid-Term-Ferien in Ghana. Das heißt, ich hatte offiziell eine Halbe Woche frei zum Relaxen. Also fragte ich schon ein paar Wochen davor bei Klara, einer Freundin, mit der ich gerade das Abitur gemacht habe und die zufällig auch ein freiwilliges soziales Jahr in Ghana macht, ob ich sie nicht besuchen kommen könnte. Sie lebt derzeit mit einem weiteren Mädchen aus Nürnberg und vier Jungen aus Österreich in der Institution der Brüder Don Bosco in der Nähe von Sunyani. Da sie aber auch Mid-Term-Ferien hatten und gerne an die Küste wollten, einigten wir uns darauf, dass ich mit ihnen an die Küste fahre.

Da die Gruppe aus Sunyani schon Mittwochabend die Reise an die Küste antreten wollte, beschloss ich, schon am Dienstag anzureisen. Man weiß nie, wie lange man in Ghana für eine Strecke von über 300 Kilometern braucht. Der Bus sollte um 6 Uhr morgens abfahren und so war ich auch pünktlich an der Busstation. Nur der Bus war nicht da. Die Frau am Schalter versicherte mir jedoch, dass der Bus bald kommen würde und ich dann mein Ticket kaufen könnte. Allerdings könnte ich auch mit dem Bus nach Kumasi fahren, müsste aber dann umsteigen. Nach einer halben Stunde, in der der Bus nach Sunyani immer noch nicht gekommen war, sagte die Frau am Schalter, dass sie jetzt auch nicht mehr wisse, ob der Bus überhaupt noch kommt. Also beschloss ich widerwillig ein Ticket nach Kumasi zu kaufen. Gerade als ich das Ticket gekauft hatte und meinen Sitzplatz einnahm, fuhr natürlich der andere Bus ein, den ich eigentlich hätte nehmen müssen. Tja, zu spät!

Dieses Glück verfolgte mich dann noch ein bisschen weiter: Nachdem wir nicht einmal 20 Minuten gefahren sind, ging der Bus kaputt und wir mussten fast zwei Stunden auf einen Ersatz warten. Währenddessen fuhr natürlich der Bus nach Sunyani an uns vorbei und ich kam mir ziemlich verarscht vor. Der Rest der Reise verlief dann recht reibungslos, bis zu dem Punkt, als mich ein älterer Mann dazu aufforderte in irgendeiner Stadt auszusteigen, weil er auch nach Sunyani müsse. Also bin ich ihm einfach mal gefolgt und so stiegen wir in ein Taxi, das uns dann auch tatsächlich dorthin brachte, wo wir hin wollten.

Den nächsten Tag verbrachte ich damit, mir die Arbeit von Klara zeigen zu lassen und über den so genannten Wednesday-Market zu schlendern, bevor es mit dem Nachtbus Richtung Accra ging. Der Markt war in Sachen Größe nicht zu vergleichen mit dem Markt in Wa und so konnte ich mich erst gar nicht an den verschiedenen Sachen satt sehen.

Ich durfte sogar noch einen Blick in die Arbeit der Don-Bosco-Freiwilligen erhaschen. Klara, die Freundin aus Landshut, hat in Sunyani nachmittags oft die Aufgabe, auf kleine Kinder aufzupassen. Dabei durfte ich live dabei sein. Das hat sich ungefähr so abgespielt, wie man es sonst nur aus Dokumentationen kennt: Alle Kinder kommen auf dich zugerannt, umarmen dich, oder klettern an dir hoch. Dabei rufen sie ganz laut „Obruni“, was „weißer Mann“ auf Twi, die am weiten verbreiteteste Sprache in Ghana heißt. Es ist zwar verdammt anstrengend und ich habe keine Ahnung, wie Klara das jeden Tag aushält, aber es ist doch auch irgendwo schön, wenn man in glückliche Kinderaugen schaut.

Abends kletterten wir dann auf die Ladefläche eines Pickups und fuhren darauf zur Busstation, um den Nachtbus nach Accra zu nehmen. Unglaublicherweise hat dies einwandfrei geklappt und so kamen wir um halb vier in der Nacht in Accra an. Eine Zeit, in der man normalerweise besonders als Weißer NICHT in Accra herum streifen sollte!

Glücklicherweise stand uns auch gleich ein Tro-Tro zur Verfügung, dass wir nach einigem Verhandeln um den Preis, nach Kokrobite nahmen.

Lage Rede, kurzer Sinn: Eine Stunde später standen wir standen wir in unserer Herberge, Big Milly’s Backyard, welche direkt am Strand war und bezogen unsere Betten in einem Schlafraum für 33 Cedi (weniger als 7 Euro) die Nacht.

Da wir für die erste Nacht, die ja schon fast vorbei war, nichts bezahlen mussten, investierten wir das Geld gleich darauf in ein Bier, setzten uns an den Strand und warteten auf den Sonnenaufgang. Als endlich die ersten Sonnenstrahlen das morgendliche Ghana küssten, „füllte“ sich der Strand auch schon mit Gras rauchenden Rastas und den ersten Fischern. Einer der Rastas stieß mit einem Stock ein Paar Kokosnüsse von der Palme, unter die wir uns gesetzt haben, und gab uns die Kokosmilch zu trinken, bevor wir im Meer baden gingen. Besser konnte der erste Tag nicht beginnen!

Die restlichen Tage verbrachten wir meistens am Strand und im Wasser, was jedoch nicht ganz ohne ist. Zwar ist das Meer, obwohl es der Atlantik ist, angenehm warm. Die Wellen sind jedoch saugefährlich. Sie sind teilweise zwei Meter hoch und bei Ebbe wird man schnell ins offene Meer gezogen, so dass man wirklich kämpfen muss, um zurück zu kommen. Für Surfer ein Paradies, für Schwimmer eher schlecht! Wenn wir nicht gerade im Wasser waren, sind wir mit ein paar Einheimischen abgehangen oder in Kokrobite herumspaziert, wobei mir ein großer Unterschied zum Norden aufgefallen ist: Dort an der Küste ist, wer hätte es gedacht, alles sehr touristisch ausgelegt und die Leute versuchen wirklich, dich bei allem abzuzocken. Wenn man aber schon fast drei Monate in Ghana lebt, bekommt man dafür bereits ein kleines Gespür.

Gefrühstückt haben wir immer in unserer Unterkunft – nicht ganz billig, aber dafür „gut“. Unter anderem gab es dort auch ein Breakfast-Baguette, mit Bohnen, Ei und Wurst, das einer meiner Mitreisenden zwei Mal zum Frühstück gegessen hatte und das verdammt gut aussah. Zwar hatte er sich danach immer über kleine Magenprobleme beklagt, aber das war es mir am vorletzten Morgen wert… Meine Damen und Herren: Ein Fehler! Anfangs hatte ich zwar auch nur ein flaues Gefühl im Magen, aber über Nacht transformierte sich dieses Gefühl in starke Bauchkrämpfe, die bis zum nächsten Tag nicht besser wurden, der Tag, an dem ich über zwölf Stunden mit dem Bus nach Wa fahren musste…

Weil es aber alles nix half machte ich mich Sonntagvormittag wieder auf den Weg zurück nach Accra und rief Chris an, meinen besten Freund aus Kaleo, der gerade in Accra studiert. Spontan wurde ich dann von ihm auf die Hochzeit im familiären Kreis seines Onkels eingeladen, bei der ich überraschenderweise viele bekannte Gesichter aus Kaleo zu sehen bekam. Die eigentliche Hochzeit wäre am Tag zuvor gewesen, bei der über 1000 Leute eingeladen waren. Ich habe mal in einem Blogeintrag geschrieben, dass einer von Chris' Onkel ein wichtiger Mann in der ghanaischen Polizei ist. Am Sonntag war nur eine Art Nachfeier im engsten Kreis. Nichtsdestotrotz war es schön und ich wurde ein wenig von meinen Bauchproblemen abgelenkt. Dennoch musste ich mir vor der Busfahrt noch ein Medikament für die nächsten 12 Stunden holen und die Apothekerin gab mir eines gegen Amöbenruhe. Ich war erst ein bisschen verwirrt, aber mir blieb nichts anderes übrig, als es zu nehmen. Im Bus legte ich mich gleich schlafen, um die qualvolle Zeit so gut wie möglich zu überstehen. Als sich mein Gemütszustand zurück in Kaleo noch verschlimmerte, musste ich ins Krankenhaus. Und mein Lieblings-Mitbringsl aus Kokrobite war dann eine Lebensmittelvergiftung. Zwar wollte mich der Arzt über Nacht noch im Krankenhaus behalten, aber lieber sterbe ich daheim als in einem Krankenhaus.

Eine Hiobsbotschaft folgte der anderen: Am nächsten Tag musste ich erfahren, dass während ich weg war, meine Lieblingsbar einfach abgebrannt ist… Es heißt, es war Brandstiftung, aber wer würde denn eine Bar anzünden und vor allem, meine Stammbar? Nun ja, jetzt habe ich alles überstanden und heute sind die ersten drei Monate um, das heißt: Ein Viertel meines Freiwilligendienstes ist bereits vorüber. Wenn ich jetzt Bilanz ziehen müsste, würde ich sagen, dass es hier wirklich schön ist und es geht mir meistens gut. Warum nur meistens? Natürlich gibt es immer wieder Probleme hier, vor allem, was den Unterricht angeht. Es fällt mir echt schwer, in eine Klasse reinzugehen, ohne zu wissen, was ich ihnen jetzt eigentlich noch beibringen soll. Wenn man mit der Theorie schon längst fertig ist, man schon zum zehnten Mal alles wiederholt hat und man vor einer Klasse steht, die endlich mal Computer benutzen wollen und du es ihnen einfach nicht ermöglichen kannst, ist das ziemlich deprimierend. Oft hat man hier nicht viel zu tun und man muss sich die Zeit irgendwie todschlagen. Dann kommt es natürlich auch mal vor, dass man zu denken anfängt, ob die Entscheidung, nach Ghana zu gehen, richtig war, vor allem wenn man sich gerade mit der Freundin über WhatsApp streitet. Manchmal vermisst man Deutschland, die Familie, die Freunde und die Freundin. Manchmal denkt man sich hier einfach nur: „What the fuck?“ Manchmal hat man hier tagelang kein fließendes Wasser und man möchte doch so gerne mal wieder richtig duschen und sich nicht mit einem Eimer Wasser waschen. Aber meistens bin ich hier glücklich und genieße jeden einzelnen Augenblick meines Auslandsjahres, weil ich mir denke, dass das hier eine einzigartige und einmalige Zeit ist und ich jetzt schon Ghana und das Leben hier vermisse, wenn ich nur daran denke wieder in Deutschland zu sein

Lehrer in Ghana: Maximilian Kahl (19) lebt ein Jahr in einem Internat in Kaleo Lehrer in Ghana: Maximilian Kahl (19) lebt ein Jahr in einem Internat in Kaleo

Ab nach Kaleo und ins Internat: Maximilian Kahl aus Landshut geht für den Sozialen Friedensdienst Kassel ein Jahr nach Ghana. Dort unterrichtet er Schüler zwischen 15 und 18 Jahren an einer High School vor allem im Fach ICT. Er bringt ihnen also den Umgang mit Programmen wie Microsoft Word, PowerPoint oder Excel bei. Begleiten wird ihn ein zweiter Freiwilliger aus Dresden. Wo die High School ist? In Kaleo, einer Stadt in der Upper West Region von Ghana. Die Stadt ist circa 20 Kilometer von der Hauptstadt der Region, Wa, entfernt.

 

Was Maximilien während seines Jahrs im Ausland erlebt, lest ihr in seinem Auslandsblog.

Lehrer in Ghana: Maximilian Kahl (19) lebt ein Jahr in einem Internat in Kaleo Eintrag 7: Ein schönes Reisemitbringsel - 23. November 2017

Vergangene Woche waren Mid-Term-Ferien in Ghana. Das heißt, ich hatte offiziell eine Halbe Woche frei zum Relaxen. Also fragte ich schon ein paar Wochen davor bei Klara, einer Freundin, mit der ich gerade das Abitur gemacht habe und die zufällig auch ein freiwilliges soziales Jahr in Ghana macht, ob ich sie nicht besuchen kommen könnte. Sie lebt derzeit mit einem weiteren Mädchen aus Nürnberg und vier Jungen aus Österreich in der Institution der Brüder Don Bosco in der Nähe von Sunyani. Da sie aber auch Mid-Term-Ferien hatten und gerne an die Küste wollten, einigten wir uns darauf, dass ich mit ihnen an die Küste fahre.

Da die Gruppe aus Sunyani schon Mittwochabend die Reise an die Küste antreten wollte, beschloss ich, schon am Dienstag anzureisen. Man weiß nie, wie lange man in Ghana für eine Strecke von über 300 Kilometern braucht. Der Bus sollte um 6 Uhr morgens abfahren und so war ich auch pünktlich an der Busstation. Nur der Bus war nicht da. Die Frau am Schalter versicherte mir jedoch, dass der Bus bald kommen würde und ich dann mein Ticket kaufen könnte. Allerdings könnte ich auch mit dem Bus nach Kumasi fahren, müsste aber dann umsteigen. Nach einer halben Stunde, in der der Bus nach Sunyani immer noch nicht gekommen war, sagte die Frau am Schalter, dass sie jetzt auch nicht mehr wisse, ob der Bus überhaupt noch kommt. Also beschloss ich widerwillig ein Ticket nach Kumasi zu kaufen. Gerade als ich das Ticket gekauft hatte und meinen Sitzplatz einnahm, fuhr natürlich der andere Bus ein, den ich eigentlich hätte nehmen müssen. Tja, zu spät!

Dieses Glück verfolgte mich dann noch ein bisschen weiter: Nachdem wir nicht einmal 20 Minuten gefahren sind, ging der Bus kaputt und wir mussten fast zwei Stunden auf einen Ersatz warten. Währenddessen fuhr natürlich der Bus nach Sunyani an uns vorbei und ich kam mir ziemlich verarscht vor. Der Rest der Reise verlief dann recht reibungslos, bis zu dem Punkt, als mich ein älterer Mann dazu aufforderte in irgendeiner Stadt auszusteigen, weil er auch nach Sunyani müsse. Also bin ich ihm einfach mal gefolgt und so stiegen wir in ein Taxi, das uns dann auch tatsächlich dorthin brachte, wo wir hin wollten.

Den nächsten Tag verbrachte ich damit, mir die Arbeit von Klara zeigen zu lassen und über den so genannten Wednesday-Market zu schlendern, bevor es mit dem Nachtbus Richtung Accra ging. Der Markt war in Sachen Größe nicht zu vergleichen mit dem Markt in Wa und so konnte ich mich erst gar nicht an den verschiedenen Sachen satt sehen.

Ich durfte sogar noch einen Blick in die Arbeit der Don-Bosco-Freiwilligen erhaschen. Klara, die Freundin aus Landshut, hat in Sunyani nachmittags oft die Aufgabe, auf kleine Kinder aufzupassen. Dabei durfte ich live dabei sein. Das hat sich ungefähr so abgespielt, wie man es sonst nur aus Dokumentationen kennt: Alle Kinder kommen auf dich zugerannt, umarmen dich, oder klettern an dir hoch. Dabei rufen sie ganz laut „Obruni“, was „weißer Mann“ auf Twi, die am weiten verbreiteteste Sprache in Ghana heißt. Es ist zwar verdammt anstrengend und ich habe keine Ahnung, wie Klara das jeden Tag aushält, aber es ist doch auch irgendwo schön, wenn man in glückliche Kinderaugen schaut.

Abends kletterten wir dann auf die Ladefläche eines Pickups und fuhren darauf zur Busstation, um den Nachtbus nach Accra zu nehmen. Unglaublicherweise hat dies einwandfrei geklappt und so kamen wir um halb vier in der Nacht in Accra an. Eine Zeit, in der man normalerweise besonders als Weißer NICHT in Accra herum streifen sollte!

Glücklicherweise stand uns auch gleich ein Tro-Tro zur Verfügung, dass wir nach einigem Verhandeln um den Preis, nach Kokrobite nahmen.

Lage Rede, kurzer Sinn: Eine Stunde später standen wir standen wir in unserer Herberge, Big Milly’s Backyard, welche direkt am Strand war und bezogen unsere Betten in einem Schlafraum für 33 Cedi (weniger als 7 Euro) die Nacht.

Da wir für die erste Nacht, die ja schon fast vorbei war, nichts bezahlen mussten, investierten wir das Geld gleich darauf in ein Bier, setzten uns an den Strand und warteten auf den Sonnenaufgang. Als endlich die ersten Sonnenstrahlen das morgendliche Ghana küssten, „füllte“ sich der Strand auch schon mit Gras rauchenden Rastas und den ersten Fischern. Einer der Rastas stieß mit einem Stock ein Paar Kokosnüsse von der Palme, unter die wir uns gesetzt haben, und gab uns die Kokosmilch zu trinken, bevor wir im Meer baden gingen. Besser konnte der erste Tag nicht beginnen!

Die restlichen Tage verbrachten wir meistens am Strand und im Wasser, was jedoch nicht ganz ohne ist. Zwar ist das Meer, obwohl es der Atlantik ist, angenehm warm. Die Wellen sind jedoch saugefährlich. Sie sind teilweise zwei Meter hoch und bei Ebbe wird man schnell ins offene Meer gezogen, so dass man wirklich kämpfen muss, um zurück zu kommen. Für Surfer ein Paradies, für Schwimmer eher schlecht! Wenn wir nicht gerade im Wasser waren, sind wir mit ein paar Einheimischen abgehangen oder in Kokrobite herumspaziert, wobei mir ein großer Unterschied zum Norden aufgefallen ist: Dort an der Küste ist, wer hätte es gedacht, alles sehr touristisch ausgelegt und die Leute versuchen wirklich, dich bei allem abzuzocken. Wenn man aber schon fast drei Monate in Ghana lebt, bekommt man dafür bereits ein kleines Gespür.

Gefrühstückt haben wir immer in unserer Unterkunft – nicht ganz billig, aber dafür „gut“. Unter anderem gab es dort auch ein Breakfast-Baguette, mit Bohnen, Ei und Wurst, das einer meiner Mitreisenden zwei Mal zum Frühstück gegessen hatte und das verdammt gut aussah. Zwar hatte er sich danach immer über kleine Magenprobleme beklagt, aber das war es mir am vorletzten Morgen wert… Meine Damen und Herren: Ein Fehler! Anfangs hatte ich zwar auch nur ein flaues Gefühl im Magen, aber über Nacht transformierte sich dieses Gefühl in starke Bauchkrämpfe, die bis zum nächsten Tag nicht besser wurden, der Tag, an dem ich über zwölf Stunden mit dem Bus nach Wa fahren musste…

Weil es aber alles nix half machte ich mich Sonntagvormittag wieder auf den Weg zurück nach Accra und rief Chris an, meinen besten Freund aus Kaleo, der gerade in Accra studiert. Spontan wurde ich dann von ihm auf die Hochzeit im familiären Kreis seines Onkels eingeladen, bei der ich überraschenderweise viele bekannte Gesichter aus Kaleo zu sehen bekam. Die eigentliche Hochzeit wäre am Tag zuvor gewesen, bei der über 1000 Leute eingeladen waren. Ich habe mal in einem Blogeintrag geschrieben, dass einer von Chris' Onkel ein wichtiger Mann in der ghanaischen Polizei ist. Am Sonntag war nur eine Art Nachfeier im engsten Kreis. Nichtsdestotrotz war es schön und ich wurde ein wenig von meinen Bauchproblemen abgelenkt. Dennoch musste ich mir vor der Busfahrt noch ein Medikament für die nächsten 12 Stunden holen und die Apothekerin gab mir eines gegen Amöbenruhe. Ich war erst ein bisschen verwirrt, aber mir blieb nichts anderes übrig, als es zu nehmen. Im Bus legte ich mich gleich schlafen, um die qualvolle Zeit so gut wie möglich zu überstehen. Als sich mein Gemütszustand zurück in Kaleo noch verschlimmerte, musste ich ins Krankenhaus. Und mein Lieblings-Mitbringsl aus Kokrobite war dann eine Lebensmittelvergiftung. Zwar wollte mich der Arzt über Nacht noch im Krankenhaus behalten, aber lieber sterbe ich daheim als in einem Krankenhaus.

Eine Hiobsbotschaft folgte der anderen: Am nächsten Tag musste ich erfahren, dass während ich weg war, meine Lieblingsbar einfach abgebrannt ist… Es heißt, es war Brandstiftung, aber wer würde denn eine Bar anzünden und vor allem, meine Stammbar? Nun ja, jetzt habe ich alles überstanden und heute sind die ersten drei Monate um, das heißt: Ein Viertel meines Freiwilligendienstes ist bereits vorüber. Wenn ich jetzt Bilanz ziehen müsste, würde ich sagen, dass es hier wirklich schön ist und es geht mir meistens gut. Warum nur meistens? Natürlich gibt es immer wieder Probleme hier, vor allem, was den Unterricht angeht. Es fällt mir echt schwer, in eine Klasse reinzugehen, ohne zu wissen, was ich ihnen jetzt eigentlich noch beibringen soll. Wenn man mit der Theorie schon längst fertig ist, man schon zum zehnten Mal alles wiederholt hat und man vor einer Klasse steht, die endlich mal Computer benutzen wollen und du es ihnen einfach nicht ermöglichen kannst, ist das ziemlich deprimierend. Oft hat man hier nicht viel zu tun und man muss sich die Zeit irgendwie todschlagen. Dann kommt es natürlich auch mal vor, dass man zu denken anfängt, ob die Entscheidung, nach Ghana zu gehen, richtig war, vor allem wenn man sich gerade mit der Freundin über WhatsApp streitet. Manchmal vermisst man Deutschland, die Familie, die Freunde und die Freundin. Manchmal denkt man sich hier einfach nur: „What the fuck?“ Manchmal hat man hier tagelang kein fließendes Wasser und man möchte doch so gerne mal wieder richtig duschen und sich nicht mit einem Eimer Wasser waschen. Aber meistens bin ich hier glücklich und genieße jeden einzelnen Augenblick meines Auslandsjahres, weil ich mir denke, dass das hier eine einzigartige und einmalige Zeit ist und ich jetzt schon Ghana und das Leben hier vermisse, wenn ich nur daran denke wieder in Deutschland zu sein

Lehrer in Ghana: Maximilian Kahl (19) lebt ein Jahr in einem Internat in Kaleo Eintrag 6: Der Alltag kehrt ein - 14. November 2017

Lang, lang ist‘s her, seitdem ich was geschrieben habe. Grund dafür ist der Alltag, der sich langsam aber sicher hier breit macht. Es passiert nicht jeden Tag ein neues Abenteuer, eher setzt eine Art Trott ein. Aber ganz ereignislos waren die letzten paar Wochen natürlich auch nicht.

Kurz nachdem ich meinen letzten Blogeintrag hochgeladen habe, haben Julius und ich einen Ausflug in die Stadt Jirapa gemacht. Sie ist circa eine Stunde mit dem Motorrad entfernt und dies war sozusagen unsere erste „größere“ Tour mit dem Motorrad durch die Savanne Westafrikas. Leider konnte ich mich aufgrund meiner Rolle als Fahrer nicht wirklich auf die atemberaubende Natur konzentrieren. In Jirapa selber trafen wir uns dann mit Thaddeus, unserem Lehrerkollegen, der dort wohnt und die Stadt wie seine Westentasche kennt. Als erstes führte er uns zu seiner Stamm-Bar, wo er uns auf ein kaltes Getränk einlud. Neben uns köchelte etwas in einem großen Topf und wir kamen nicht umher, einen Blick hinein zu werfen. Drinnen lag ein Hund… Kein allzu schöner Anblick!

Danach zeigte uns Thaddeus die Besonderheiten der Stadt, welche sich auf eine Kirche aus dem 19. Jahrhundert und einem Luxushotel, dem Jirapa Dubai, begrenzten. Zwar ist Jirapa fünf Mal so groß wie Kaleo, dennoch sind hier Städte nicht besonders sehenswert. Jede Stadt hat sozusagen dieselben Punkte: eine oder mehrere asphaltierte Straßen, an denen sich die immer gleichen Läden konzentrieren, ein paar Bars, welche sich kaum von ihrem Aussehen unterscheiden, ein paar Stellen, wo man öffentlich Pitu trinken kann und natürlich die kleinen Wohnhäuser. Alles sieht ziemlich gleich aus und unterscheidet sich nur durch die Menschen, die in der Stadt wohnen. Aber dennoch ist es schön, mal aus der mittlerweile gewohnten Umgebung herauszukommen.

Auch wenn wir mittlerweile in Kaleo oder Wa unsere Leute kennen, mit denen wir gerne etwas unternehmen, lernen wir doch auch immer wieder neue und interessante Menschen kennen. Einer von ihnen heißt Culture. An unserer Stamm-Bar neben der Schule haben wir ein paar Lehrer gehört, die über ihn geredet haben, und uns erzählten, dass er ein guter Freund von einem ehemaligen Freiwilligen ist und immer gerne mit Leuten von außerhalb redet. Außerdem sei er eine Art Fetischeur, der einem die Zukunft voraussagen könne. Da wir die Mentalität der Ghanaer schon fast komplett übernommen haben, beschlossen wir, ihn einfach zu besuchen – mal schauen, was rauskommt. Am nächsten Tag standen wir also einem großen Rastamann gegenüber, der uns fröhlich seine ganze Farm zeigte. Er lebt mehr oder weniger als Einsiedler, er baut sein Gemüse selber an und hält sich selber seine Tiere, und so muss er so gut wie nie auf den Markt gehen und etwas kaufen. So hat er es uns zumindest erzählt. Und weil Culture halt ein echter Rastamann ist, hat er uns erzählt, dass er natürlich auch Gras raucht. Er hat uns erzählt, dass er keine Angst von der Polizei hat, weil die ihn alle kennen und alle mögen und ihn niemals deswegen verhaften würden (In Ghana ist die Mindeststrafe für Drogenbesitz, wie Marijuana o. Ä. bei sechs Monaten angelegt). So zeigte er uns auch froh und munter, was er sonst noch so neben seinem Gemüse und Bananen anbaut. Wir haben uns Stunden unterhalten und er erzählte uns seine eigenen Lebensweisheiten. Von irgendwelchen Wahrsagungen haben wir allerdings nichts mitbekommen.

Uns ist in Kaleo nicht langweilig. Einerseits liegt es daran, dass wir überall Freunde haben, die wir besuchen können, andererseits liegt es daran, dass es seit ein paar Wochen auch bei uns „daheim“ nicht mehr langweilig ist. Wir haben einen neuen Mitbewohner. Die Schulleitung hatte uns gefragt, ob wir nicht unser Haus mit einem weiteren Lehrer teilen könnten und wir waren natürlich sofort offen für alles, da wir ohnehin zu viel Platz haben. Als man uns dann sagte, dass Abu bei uns einziehen würde, stieg unsere Motivation auf das neue Zusammenleben ungemein. Abu ist ein kleiner Mann und extrem lustig drauf. Bei unserer ersten Begegnung sagte er gleich zu Anfang, dass er Moslem ist, aber kein Bombenleger, und schon war das Eis gebrochen. Wir sind froh, dass sich jetzt im Haus etwas bewegt und uns, wenn wir denn einmal zuhause sind, nicht langweilig ist. Und einen weiteren großen Vorteil hat es, dass Abu bei uns eingezogen ist: Er ist ein verdammt guter Koch!

Obwohl es in Kaleo, wie schon gesagt, so gut wie nie langweilig ist, suchen wir dennoch immer nach Möglichkeiten, das Land kennenzulernen und andere Ecken von Ghana zu sehen. Eine solche Möglichkeit bot sich uns spontan vergangenes Wochenende. Die Schule machte mit ein paar Schülern eine Exkursion in die Stadt Nandom, da dort ein katholisches Festival mit dem Namen „Jesutanga“ stattfand. Nun bin ich ja nicht katholisch und belächle recht oft ihre Rituale, dennoch war ich interessiert daran. Der Trip war auf zwei Tage angesetzt und man warnte uns vor, dass dabei nicht viel oder gar nicht geschlafen werde, da man die ganze Nacht durchfeiert. Freitagnachmittag stiegen wir also in den kleinen Schulbus und machten uns mit vielen Schülern (von denen viele im Bus stehen mussten, in Deutschland absolut undenkbar!) auf in das circa zwei Stunden entfernte Nandom. Die ganze Busfahrt über wurde getrommelt und gesungen und allein das gab mir das Gefühl, im tiefsten Afrika zu sein. Dort angekommen überschlag sich dieses Gefühl. Wir standen plötzlich inmitten eines riesigen Marktes, wo Händler Essen, Trinken, Pitu, oder andere Waren anboten.

Menschen wuselten herum und man wusste gar nicht, wo man überall hinschauen sollte. Die ganze Szene spielte sich am Fuße eines großen Hügels (die Ghanaer nennen das schon einen Berg) ab, auf welchem eine Kirche steht. Die zwei mitgereisten Lehrer führten uns mit den Schülern herum und auf einem Haus las ich ein Stück Heimat: „Straubing“. Daneben war eine Tafel angebracht, worauf zu lesen war, dass die Häuser hier vom ehemaligen Straubinger Bürgermeister gespendet worden seien. Ja, man findet überall ein Stück Bayern. Nach der kurzen Führung erklommen wir den Berg und uns bot sich eine wirklich atemberaubende Aussicht: Wir hatten wieder einmal eine Aussicht über die Savanne, nur mit dem Unterschied, dass dieses Mal die Sonne langsam über dem Land unterging. Die Trockenzeit ist schon längst angebrochen und es hat seit über einem Monat nicht mehr geregnet. Alles ist sandig und staubig. Und genau dieser Staub lag jetzt bei diesem wahnsinnigen Sonnenuntergang zwischen den endlosen Baumkronen und verlieh der ganzen Szene etwas Mystisches. Während eine Messe auf dem Berg abgehalten wurde, saß ich mindestens eine Stunde auf einem Stein in Richtung Sonnenuntergang und bestaunte die fremde Welt. Als die Messe vorüber war und die Sonne endgültig untergegangen war, ging auf dem Gelände erst richtig die Post ab. Auf dem Berg wurde zwar die ganze Nacht durchgebetet, aber unten am Markt wurde ausgelassen gefeiert, getrommelt und getanzt, und das die ganze Nacht durch. Wir wanderten mit ein paar Schülern herum, die wir zufällig in der Menschenmasse wiederentdeckten, aßen gemeinsam und tranken Pitu. Irgendwann gegen 3 oder 4 Uhr, wurden wir dann müde und wanderten zum Bus zurück. Der Bus war voll mit Schülern, die sich ebenfalls gerade ausruhten und so nahm ich meine Decke und legte mich unter den freien Sternenhimmel. Geschlafen habe ich vielleicht zwei Stunden und als ich am Morgen aufwachte, war die Party immer noch in vollem Gange. So feierten wir noch ein bisschen, bevor wir die Rückfahrt antraten, welche ein Desaster war. Zuerst sprang der Bus aus unbekannten Gründen eine halbe Stunde nicht an. Als wir dann doch zur Abfahrt bereit waren und einige Kilometer gefahren sind, drehte sich der Busfahrer zu mir und sagte, dass die Bremsen nicht mehr funktionieren. Dabei lachte er. Ich fand das weniger lustig, da ich genau wusste, dass auf ghanaischen Straßen eine funktionierende Bremse lebenswichtig ist. Dennoch haben wir es irgendwie lebendig nach Hause geschafft.

Lehrer in Ghana: Maximilian Kahl (19) lebt ein Jahr in einem Internat in Kaleo Eintrag 5: Lehrer sein ist schwer - 12. Oktober 2017

Um gleich einmal die Spannung zu vernichten, die sich nach dem letzten Eintrag angestaut hat, muss ich euch sagen, dass das Mädchen, das von einer Schlange gebissen wurde, zum Glück überlebt hat. Wie es ihr jetzt geht, weiß ich nicht. Aber was ist in den letzten zwei Wochen so passiert?

Wir haben endlich unsere Stundenpläne bekommen. Ich darf jetzt in neun verschiedenen Klassen ICT unterrichten und Insgesamt habe ich in der Woche 23 Unterrichtsstunden. Das klingt jetzt zwar nicht viel, aber die Stunden sind ziemlich komisch aufgeteilt. Montags habe ich frei. Das Gute daran ist, dass ich ein verlängertes Wochenende habe. Die Kehrseite der Medaille ist jedoch, dass sich dann diese 23 Schulstunden auf den Rest der Woche aufteilen. Verglichen mit der Situation als Schüler in Deutschland sind das zwar immer noch relativ wenig Stunden, aber als Schüler hat man den Vorteil, dass man in einer langweiligen Stunde auch mal abschalten kann. Als Lehrer ist das nicht ganz so gut möglich. Zumindest kann ich jetzt meine ehemaligen Lehrer verstehen, wenn sie mit ihren nervigen Gruppenarbeiten angekommen sind. Ich bin der festen Überzeugung, dass für sie der viel gelobte „pädagogische Effekt“ zweitrangig war. Wenn man den Schülern Gruppenarbeiten gibt, muss man selber nicht so viel reden und man kann für ein paar Minuten Pause machen. In Ghana wurde ab diesem Jahr ein neues Schulsystem eingeführt, die „Free SHS“. Bis letztes Jahr waren die Senior High Schools kostenpflichtig und ab diesem Jahr wird jedem der Weg zu Bildung eröffnet. Das klingt im ersten Moment zwar sehr gut, in der Praxis ist es aber schrecklich, so wie ich am Rande mitbekommen habe. Die Schule ist komplett überfordert, hat so gut wie keinen Platz, um die Schüler unterzubringen, kein Geld, um die Schüler zu versorgen, und die Klassenzimmer sind auch eher dürftig eingerichtet.

Die Klassenzimmer für die neuen Schüler sind in einem Rohbau, manchmal sogar ohne Licht und ohne Tafel. In meinen ersten Stunden musste ich vor einer Klasse mit 47 Schülern mit Kreide an eine Wand schreiben. Da kann man sich vorstellen, wie die Unterrichtsatmosphäre ist.

Aber wie ist der Unterricht denn sonst so für mich? In meinen ersten Stunden war ich noch voller Euphorie, die Schüler kennenzulernen und ihnen Wissen zu vermitteln. Doch gegen Anfang der zweiten Woche sank die anfängliche Motivation der Schüler drastisch. Immer, wenn ich eine Frage stelle, muss ich diese gefühlt zehn Mal stellen, bevor sich irgendjemand meldet. Zum Unterricht kommen nur die wenigsten pünktlich und die Schüler, die dann wirklich da sind, schlafen auch gerne mal ein. Ich drohe ihnen dann immer, ihnen mit einem Edding einen Schnauzer zu malen und, wenn das noch öfter passiert, habe ich mir vorgenommen dass ich das auch wirklich. Allerdings kann ich ihnen auch nicht verübeln, dass sie einschlafen. ICT heißt ja Information and Communication Technology und ist darauf ausgelegt, praktische Arbeiten am Computer zu vollziehen. Nun ist es aber so, dass es an der Schule nur einen Computerraum für 1.600 Schüler gibt. Mit jeder Klasse habe ich nur eine Stunde wöchentlich im Computer Lab und diese reicht kaum, ihnen praktische Erfahrung in Sachen Word, Excel, Powerpoint und Internet zu geben. Zudem gibt es in der Schule nicht mal Internet. Diese Sachlage stellt mich vor eine große Herausforderung und noch bin ich mir nicht sicher, wie ich diese bewältigen soll.

Eigentlich hatte ich vor, ein cooler „chilliger“ Lehrer zu werden und eine Art freundschaftliches Verhältnis mit den Schülern aufzubauen, so wie es im besten Fall auch sein sollte. Das ist hier aber leider Gottes nicht möglich. Die Schüler haben, nicht wie es eigentlich geheißen hat, ein Alter von 16 bis 18 Jahre, sondern eines von 13 bis 30. Das heißt nichts anderes, als dass ein Großteil der Schüler älter ist als ich. Zwar reden sie mich mit „Sir“ oder „Master“ an, aber irgendwo fehlt dann doch die Autorität, habe ich manchmal das Gefühl, besonders, wenn sie in meinem Unterricht einschlafen und überhaupt nichts tun. So fühle ich mich manchmal gezwungen, doch etwas strenger zu sein als ich eigentlich will, und drohe ihnen an, sie aus dem Unterricht zu schmeißen, wenn sie schlafen. Und das wirkt schön langsam.

Hier ist es nämlich üblich, dass die Schüler, wenn sie nicht hören, oder irgendwas Verbotenes machen, geschlagen werden. Vor circa zwei Wochen haben Schüler versucht, über die Mauer zu klettern, was strengstens verboten ist, und wurden dafür beim Morgenappell vor der ganzen Schule mit einem Stock ausgepeitscht, bis der Stock kaputt war. Bei sowas kann ich gar nicht hinsehen, aber was soll ich denn dagegen tun? Man kann die Lehrer davon nicht abhalten und meinen, nur weil man ein Weißer aus einem fortschrittlichen Industrieland ist, hat man das Recht dazu, sie zu belehren. Man muss das einfach akzeptieren, das ist eben eine ländliche Region in Afrika. Auf jeden Fall, wenn ich sie also aus meinem Unterricht schmeißen würde und sie von einem anderen Lehrer gesehen werden, ist es gut möglich, dass ihnen eine Strafe droht. Deswegen zeigen meine Androhungen Wirkung.

Mit den Lehrern komme ich sehr gut klar. Nach der Schule trifft man sich eigentlich fast täglich an der Bar und trinkt gemeinsam ein Bier. Das schöne ist, auch wenn die Schüler einen manchmal nich so ganz als vollständigen Lehrer akzeptieren, tun es die Kollegen umso mehr. Für diese bist du ein vollwertiges Mitglied des Lehrerkollegiums, welches zwar hin und wieder einmal Hilfe braucht, aber trotzdem voll und ganz dazugehört.

In unserer Freizeit sind wir meistens daheim, sitzen mit Lehrern an der Bar oder düsen mit meinem Motorrad durch die Gegend. Mindestens einmal in der Woche fahre ich damit nach Wa, um Obst oder die nötigsten Sachen, die man nicht in Kaleo findet, zu kaufen. Vergangenen Sonntag haben Julius und ich uns zum ersten Mal so wirklich die Stadt angeschaut. Wir haben uns unser Motorrad geschnappt und sind einfach losgefahren. Dank Google Maps haben wir uns nie wirklich verfahren und haben die schönsten Plätze sowie eine riesen Moschee gefunden, die wir uns sogar von innen und oben ansehen durften. Zwischen Kaleo und Wa ist eine Polizeisperre, bei der ich regelmäßig angehalten und nach meinem Führerschein gefragt werde. Natürlich werde dort bloß ich angehalten, weil ich weiß bin und die Einheimischen meistens sowieso keinen Führerschein haben. Aber mittlerweile kennen sie mich und lassen mich oft einfach durchfahren.

Nun noch etwas, was für deutsche Leser wahrscheinlich sehr unverständlich klingt: Ich habe Hund gegessen. Doch bevor das hier einen Shitstorm gegen mich auslöst, versuche ich das zu erklären. Thaddeus, einer der Lehrer, hat mich zum Essen eingeladen und die Bedienung stellte uns einen Teller Fleisch hin, der äußerlich sehr gut aussah. Das kommt hier nicht so oft vor, denn zu sagen, die Leute hier würden bis auf die Knochen alles essen, ist falsch. In Sachen Hühnchen essen sie sogar alles: Fleisch, Innereien, Knochen, also alles bis auf die Federn. Und so ist das bei Rind und Schwein auch, da wird alles gegessen. Wir haben das Fleisch also gegessen und danach sagte er mir, dass das Hund sei. Natürlich war ich im ersten Moment geschockt, aber nicht weil das Hundeflesch war. Ich habe schon zuvor gewusst, dass man das hier isst. Ich war geschockt, weil das Fleisch das beste Fleisch ist, das ich bislang hier gegessen habe. Ich habe mir immer gedacht, dass Hundefleisch schlecht schmecken müsste, weil Hunde ja Haustiere sind und ich Hunde wirklich gern mag, aber Fehlanzeige. Hundefleisch schmeckt gut. Ich habe keine Gewissensbisse, hier Hund zu essen, weil Hunde hier eben keine Haustiere sind wie in Deutschland. Ein Hund ist hier ein Tier wie ein Schaf, eine Ziege, ein Schwein oder eine Kuh und kein Familienmitglied. Hunde leben hier nicht im Haus, sind verspielt und lassen sich streicheln, Hunde leben hier draußen, sind scheu und streunen. Diese Tiere haben hier einfach einen anderen Stellenwert. Aber keine Angst: Wenn ich zurück komme, werde ich keinen von euren Hunden essen – versprochen!

Lehrer in Ghana: Maximilian Kahl (19) lebt ein Jahr in einem Internat in Kaleo Eintrag 4: Afrika - gefährlich? - 26. September 2017

Wir haben jetzt ein Schloss an unsere Eingangstür gemacht, um präventiv dagegen vorzugehen, dass uns wieder jemand um viertel nach sechs Uhr morgens aus dem Schlaf reißt, doch meistens sind wir zu faul, das Tor in der Nacht abzuschließen.

In den letzten zwei Wochen ist leider recht wenig passiert, deshalb wird dieser Blogeintrag vielleicht ein wenig kürzer und nicht so bildreich. Zwei wichtige Ereignisse sind aber doch passiert. Anfang der letzten Woche hat uns Isaac, ein Freund aus dem Dorf, spontan zu einem Geburtstag eingeladen. Obwohl wir die Person nicht kennen, meinte er, dass sie sich sicher freuen würden, wenn wir kommen. Und tatsächlich: Wir wurden sehr herzlich empfangen und man bot uns gleich etwas zu trinken an. Obwohl die Leute uns wirklich nicht kannten, bekamen wir auch gleich etwas zu essen und dann kam der lustigste Teil des ganzen Abends: ein Tanzwettkampf. Obwohl ich ein schrecklicher Tänzer bin, wurde ich dazu genötigt zu tanzen und klar, wenn in Afrika ein Weißer tanzt, ist das natürlich die Attraktion schlechthin. Es wurden Fotos und Videos von mir gemacht und ich hatte keine Chance, mich still und heimlich wieder hinzusetzten. Julius entging dem ganzen, indem er einfach draußen, vor er Tür wartete. Jedenfalls, aus welchen Gründen auch immer, feierten die Leute meinen Tanzstil und ich gewann überraschenderweise den Wettkampf. Das mag jetzt vielleicht sehr cool klingen, allerdings ist es anscheinend die Aufgabe des ersten Platzes, alleine vor der Gruppe zu tanzen. Na Super! Und wieder einmal waren alle Augen und Kameras auf mich gerichtet und ich wäre am liebsten im Boden versunken. Ich meine, wenn man betrunken ist, ist einem das ja scheißegal, aber nüchtern ist das schon eine Überwindung. Danach wurde für das Geburtstagskind gebetet und jeder hielt eine kleine Rede, in welcher man seine Glückwünsche übermittelt. So mussten Julius und ich ebenfalls eine spontane Rede aus dem Handgelenk schütteln. Doch Rhetorikunterricht sei Dank ging das ganz gut. Als die Feierlichkeiten dann vorüber waren, bedankte sich Nicholas, das Geburtstags-„Kind“ und seine Frau Monica überschwänglich für unser Kommen und sagten, dass wir immer bei ihnen willkommen sind und gerne vorbeischauen können, wenn wir Zeit haben.

Wir haben uns bald darauf gedacht, dass wir einfach mal vorbeischauen, wurden wieder herzlich empfangen und haben spontan einen „Kochkurs“ bei ihr gemacht. Genauer gesagt machen wir diesen Kurs so gut wie alle zwei Tage und sie lernt uns die verschiedensten ghanaischen Gerichte. Wenn wir bei ihr sind, bemuttert sie uns, als wären wir ihre eigenen Kinder. Es ist jetzt wirklich nicht so, dass wir darauf aus sind, jeden zweiten Tag ihr auf die Nerven zu gehen und bei ihr zu kochen. Es ist mehr oder weniger so, dass, wenn wir einen Tag nicht bei ihr sind, sie uns anschreibt, ob wir nicht zum Kochen vorbeikommen wollen. Diese Frau ist einfach ein richtiges Herzchen. Besonders gerührt war ich, als sie jedem von uns eines Abends einfach so zum Abschied ein Tuch geschenkt hat, falls uns mal kalt ist. In solchen Momenten ist man einfach sprachlos.

Ein zweites wichtiges Ereignis: Die Schule hat endlich angefangen. Naja, angefangen ist jetzt vielleicht zu viel gesagt, aber ich konnte schon meine ersten „Unterrichtsstunden“ halten. Und noch viel wichtiger: wir haben endlich nach über drei Wochen die Rektorin kennengelernt, aber sie macht doch trotz dem anfänglichen Desinteresse an uns einen relativ netten Eindruck. Offiziell hieß es ja, dass die Schule am 11. September losgeht, das heißt aber anscheinend nicht, dass dann der Unterricht beginnt. In Wirklichkeit war es nämlich so, dass in der Woche vom 11. bis 15. langsam die Schüler eintrödelten. Damit wir wenigstens etwas Beschäftigung hatten, halfen wir bei der Registrierung der Schüler aus, was jedoch nach der Zeit so eintönig wird, dass man sich trotzdem den ganzen Tag langweilt. Von Seiten der Lehrer hieß es dann, dass die Schule, beziehungsweise der Unterricht dann am Montag, 18. September anfängt, und, dass wir uns um sechs Uhr morgens im Lehrerzimmer, den so genannten Staff-Room, einfinden sollen. Danach sei der Morgenappel für die Schüler und die Lehrer. Natürlich war um sechs Uhr noch kein Schwein da und ich musste circa eine Stunde warten, bis mir dann mitgeteilt wurde, dass das montägliche Staff-Briefing heute ausfällt. Julius blieb natürlich präventiv daheim, weil er sowas vorausgeahnt hatte.

Beim Morgenappel mussten wir uns dann vor der ganzen Schule vorstellen, vor über 1 600 Schülern. Einen Stundenplan haben wir noch nicht bekommen und so fragten wir den Academic Headmaster, Mr. Pan, ob wir heute schon unterrichten sollen. Er teilte uns zwei Klassen mit, in die wir gehen und nach dem alten Stundenplan für diese Woche ICT unterrichten sollen. Mir wurde die Klasse voc3c zugeteilt, die zufälligerweise an dem Tag ICT-Unterricht hatte– eine fast reine Mädchenklasse. Da ich eh nicht vorhatte, heute gleich mit dem Unterricht anzufangen, habe ich erst eine Vorstellstunde geplant. Aber selbst eine Vorstellstunde gestaltet sich schwierig, wenn die Schüler nicht mit dir reden. So hab' ich erst mal vergeblich versucht, Gespräche mit ihnen aufzubauen, aber erst, nachdem ich gesagt habe, dass ich gemeine Tests schreiben werde, wenn sie nicht mit mir reden, sind sie auf einmal aufgewacht. Ja, ich bin schon fies, aber immerhin war danach das Klima in der Klasse um einiges besser.

Das war aber auch die einzige Unterrichtsstunde für mich in dieser Woche – so wie mir das der Academic Headmaster mitgeteilt hat. Am nächsten Morgen bin ich gemütlich um 10 Uhr zum Staff-Room gegangen, worauf gleich schon ein Schüler auf mich zugerannt kam und meinte, ich müsste jetzt in seiner Klasse ICT unterrichten. Aha. Also musste ich mir spontan eine Stunde aus dem Ärmel schütteln, aber wenigstens war diese reine Jungenklasse sehr redselig. Aber das war’s dann auch schon mit Arbeit für diese Woche. Ich hab noch hin und wieder bei der Online-Registrierung der Schüler ausgeholfen, aber sonst war diese Woche recht ereignislos, bis auf einen Abend, wo uns Isaac wieder einmal auf einen Geburtstag, dieses Mal nach Wa, eingeladen hat.

Dieser Geburtstag war sehr verschroben. Das lag zum einen daran, dass alles sehr gestellt war, aber anscheinend hat es die Frau (Ich glaube sie wurde 25) sehr gefreut. Zum anderen predigte dort ein tiefreligiöser Zwerg. Mich störte nicht, dass er ein Zwerg war, aber das, was er von sich gab, störte mich schon. Er predigte von Liebe und, dass in einer Beziehung nur von Liebe gesprochen werden kann, wenn Gott involviert ist. Daraus folgerte er natürlich, dass zwischen zwei Menschen, die verschiedene Religionen haben beziehungsweise keine Christen sind, niemals Liebe entstehen kann und riet allen Leuten ab, sich nie mit Menschen von anderen Glaubensrichtungen einzulassen. So ein Depp!

Gerade als ich diesen Blogeintrag schreibe, kommt Joseph zu uns und berichtet, dass anscheinend eine Schülerin hier auf dem Schulgelände von einer Schlange gebissen wurde. Sie ist jetzt im Krankenhaus, aber anscheinend haben die Ärzte kein Gegengift. Es heißt, dass wenn sie nicht rechtzeitig dieses Gegengift auftreiben können, die Schülerin sterben wird. Noch dazu haben sie die Schlange noch nicht gefunden. Ich bekomme gerade einen ersten Eindruck davon, wie gefährlich Afrika ist.

Lehrer in Ghana: Maximilian Kahl (19) lebt ein Jahr in einem Internat in Kaleo Eintrag 3: Man versucht sich zu integrieren - 26. Oktober 2017

Mittlerweile fühle ich mich bereits ein bisschen in die Dorfgemeinschaft integriert. Ja, wirklich integriert, nicht nur akzeptiert. Das liegt großenteils an Chris, der einer unserer besten Freunde hier ist und uns zu jeder passenden Gelegenheit die „Do’s“ und „Don’ts“ sowie die Gepflogenheiten und Gefahren in Ghana erklärt. Zu Chris muss man noch sagen, dass er im Dorf aufgrund seiner Familie sehr angesehen ist. Er stammt direkt aus Kaleo und hat in der Dorfgemeinschaft die Aufgabe Streits und Konflikte ohne das Mitwirken der Polizei zu lösen. Sein Vater ist bei der Polizei in Accra ganz oben und hat deswegen mit allerhand wichtigen Leuten zu tun. Dadurch, dass er demnach ein sehr gutes Verhältnis zur Polizei hat, hat er uns mehr oder weniger vollkommene Sicherheit versprochen. Sein Onkel, den ich mittlerweile auch kennengelernt habe, ist einer der reichsten Männer von Wa, aber anscheinend sehr egoistisch. Jedenfalls kümmert sich Chris wahnsinnig gut um uns und wir treffen uns fast täglich mit ihm am Chief Palace und trinken dort eine Runde Pitu mit den ältesten des Dorfes.

So wurden wir spontan auch auf die Beerdigung seiner Schwester eingeladen. Beerdigung klingt jetzt natürlich nicht so nach einem freudigen Ereignis. Das ist aber auch nur so, wenn man deutsche Beerdigungen im Kopf hat. In Ghana sind Beerdigungen das komplette Gegenteil von einem Trauerspiel. Dort wird gelacht, gegessen, getanzt, getrunken und sie Stimmung ist ausgelassen fröhlich, bis zu dem Punkt, wo alle eine Runde um das Grab gehen. An diesem Punkt wird wie auf Knopfdruck geweint und dann geht es weiter mit der Fröhlichkeit. Anders als in Deutschland kommt zu so einem Ereignis einfach jeder. Egal, ob Familie, Freunde, Bekannte, oder Fremde – jeder der Zeit hat, kommt und feiert mit. Auf dem ersten Blick scheint das makaber zu sein, aber es ist doch auf seine eigene Weise schön mit anzusehen, dass die Leute auf den Beerdigungen ihr oder das Leben der Verstorbenen feiern.

Da die Schule erst im Laufe der kommenden Woche anfängt (Wann genau kann uns irgendwie keiner sagen), haben wir bis jetzt viel Freizeit, die wir möglichst produktiv nutzen wollen. Das heißt, wir bieten unsere Hilfe an, wo wir nur können – sei es auf Erdnussfarmen mitzuhelfen oder die Leute in computertechnischen Fragen zu unterstützen.

Das Gebiet in der Upper-West-Region wird primär für Agrarwirtschaft genutzt. Das heißt, entlang der „Straßen“ findet man überall Erdnuss-, Jam-, Mais- oder Mango-Farmen. Derzeit ist Erntezeit der Erdnüsse und ein befreundeter Lehrer hatte uns gefragt, ob er nicht einen Teil seiner Erdnüsse bei uns im Hof zum trocknen lagern könnte. Ende der Geschichte: Wir hatten bis vor kurzem circa eine Millionen Erdnüsse bei uns im Hof liegen.

Um die Erntezeit hautnah mitzuerleben, boten wir Joseph, einen anderen befreundeten Lehrer, an, ihm bei der Ernte zu helfen. Am nächsten Tag standen wir früh vor seinem Haus und wollten mit dem Motorrad zu seiner Farm fahren. Da Julius bereits bei mir hinten auf dem Motorrad hockte, dürfte ich nach deutschen Verkehrsregeln natürlich niemand mehr mitnehmen. Haben wir gelacht… Kurz vor der Abfahrt setzte mir Joseph wortlos seine sieben Jahre alte Tochter vorne auf den Tank. Hätte ich gewusst, was für eine Strecke auf mich erwartet, hätte ich nicht mal mein eigenes Kind auf die Reise mitgenommen, wenn ich eins hätte. Der Weg dauert über eine Stunde mit dem Motorrad durch enge, sandige Wege, bei denen du mit dem Motorrad alle paar Meter wegrutscht und es dich fast umhaut. Ich hatte selten so viel Angst um das Leben meiner Mitreisenden, vor allem, weil Joseph vor uns mit einem Affentempo über die Piste raste. Zum Glück sind wir sicher angekommen und niemanden ist was passiert. Den Rest des Tages haben wir damit verbracht, auf der Farm Erdnusspflanzen aus dem Boden zu reiße, und das bei über 30 Grad in der Sonne. Alle Farmarbeiter waren direkt überrascht, dass Weiße auch hart arbeiten können, und sprachen uns ihr großes Lob aus. Mittags habe ich gekonnt eine von anderen Freiwilligen gestellte Regel übersehen: im Süßwasser baden. Götz Geilhard, ein ehemaliger Freiwilliger hatte uns dies nahegelegt, da es in Süßwassern oft von Krokodilen, Nilpferden und Würmern wimmelt. Krokodile und Nilpferde waren nicht in Sicht und da die Anderen Farmarbeiter auch einfach ins Wasser gegangen sind, machte ich mir um eventuelle Gefahren auch keine Sorgen mehr und bis jetzt geht es mir noch gut. Ich habe in der vergangenen Woche viel mit den Menschen hier geredet und zwei Sachen sind mir sehr schnell vor Augen geführt worden: Ghana ist ein sehr korruptes Land, zumindest was die Politik betrifft. Vieles von dem Geld, was das Land für die Menschen und für den Aufbau bekommt, kommt niemals an, da die Politiker es für ihre eigenen Zwecke verwenden. Zudem sind viele der Ghanaer anscheinend sehr selbstsüchtig. Das heißt, sie wollen bloß ihr eigenes Wohl und schei*en auf das Wohl ihrer Mitmenschen. Ich selber habe das noch nicht wirklich mitbekommen, aber dies scheint die allgemeine, ehrliche Meinung von vielen Leuten zu sein.

Ein zweiter Punkt, der mich wirklich geschockt hat, ist, dass Ghana anscheinend ein sehr gefährliches Land sein soll – sowohl für Weiße, als auch für Einheimische. Vor allem in der Upper-West-Region, soll es oft zu Morden und Raubüberfällen kommen. Uns wurde also geraten, nie weitere Strecken alleine zurückzulegen.

Wir wurden zum Beispiel auf eine Beerdigung weit weg eingeladen und es wurde extra ein Bus organisiert, da viele aus dem Dorf an dem Ereignis teilnehmen wollten. Leider konnten wir aufgrund gesundheitlicher Beschwerden nicht mitkommen. Zum Glück! Räuber hatten nämlich versucht, den Bus auf dem Weg zu überfallen. Glücklicherweise waren zum Schutz der Reisenden zwei Soldaten mit an Bord und somit konnte der Überfall verhindert werden. Genaueres weiß ich leider auch nicht. Ich bin wirklich froh, dass die Leute hier so ehrlich zu uns sind und uns vor solchen Situationen warnen.

Nun aber zum Schluss noch etwas „Lustiges“: Die Menschen hier stehen anscheinend sehr früh auf, nicht so wie wir. Auch wenn die Hähne auf dem Campus schon ab halb fünf Uhr morgens krähen, schaffen wir es doch immer bis mindestens sieben Uhr zu schlafen. Nicht so am gestrigen Tag. Ich weiß nicht, wie viele Synapsen im Hirn gleichzeitig aussetzen müssen, dass jemand um viertel nach sechs morgens an unser Fliegengitter klopft und uns aus unserem Schlaf entreißt, weil er sich einen deutschen Laptop gekauft hat und jetzt, um viertel nach sechs Uhr morgens Hilfe mit der Übersetzung braucht. Glücklicherweise konnte er kein Deutsch, denn sonst wäre er nach der Flut von Beleidigungen und Schimpfwörtern, die ihm entgegenflogen sind, sicher verunsichert gewesen. Dennoch haben wir ihm trotz fehlender Motivation doch noch geholfen und hatten dann immerhin mehr vom Tag.

Lehrer in Ghana: Maximilian Kahl (19) lebt ein Jahr in einem Internat in Kaleo Eintrag 2: Endlich angekommen - 1. September 2017

Tag 2 in Ghana: Schon um 5 Uhr morgens werden wir auf Anraten unseres Taxisfahrers an unserem Hotel abgeholt, da er sich sicher war, die Busse nach Wa würden schon sehr früh am Morgen gehen. In Wirklichkeit geht der Bus nach Wa erst um 16 Uhr, das heißt also: zehn Stunden Warten. Zehn Stunden hören sich im ersten Moment sehr viel an, aber die Zeit ist doch recht schell vergangen.

Direkt neben dem Busbahnhof war ein Markt, durch den wir abwechselnd geschlendert sind, weil einer auf unser Gepäck aufpassen musste. Der Markt war schon morgens sehr belebt mit Leuten, die etwas zu essen verkauften. Dort habe ich mein erstes Essen in Ghana probiert: Fisch mit Reis. Uns wurde auch nicht langweilig, weil uns ständig die Mentalität der Ghanaer vor Augen geführt wurde. So viele Leute sprachen uns an und redeten oft stundenlang mit uns über unsere Heimat und Ghana. Dort haben wir auch erste Kontakte geknüpft, sodass wir, falls wir mal wieder nach Accra oder Kumasi kommen, jemanden haben, der uns herumführt. Die Gastfreundschaft in Ghana ist einfach atemberaubend. Nach zehn Stunden Wartezeit, ging’s dann endlich los nach Wa. In Wa angekommen kam es natürlich zu erneuten Komplikationen: Keiner holte uns ab. Nach über einer Stunde und einer ewigen Telefoniererei kam dann ein Angestellter der Schule und fuhr uns in die Kaleo Technical Senior High School. Natürlich war keiner da, der von unserer Ankunft wusste, da die Schulleiterin außer Haus war. Wann die wieder kommt? Weiß keiner. Hier verbringe ich also das nächste Jahr.

Als man uns unser Haus zeigte, folgte der nächste große Schock: Das Zimmer war bei unserer Ankunft in einem Zustand, den ich mir so nicht erwartet hätte. Es gibt nur Mehrstockbetten aus Metall mit sehr dünnen Matratzen. Decken, Kissen oder Bettzeug sind nicht vorhanden. Das Bad und die Dusche funktionieren nur spärlich. Zu dem Zeitpunkt konnte sich keiner von uns vorstellen, hier ein Jahr zu verbringen und wir wollten beide einfach nur nach Hause. Aber wir ließen den Kopf nicht hängen und versuchen seitdem das Beste draus zu machen und das klappt. Wir haben die „Möbel“ – heißt die Betten – umgestellt und es uns ein wenig gemütlicher gemacht, sodass es sich ein bisschen mehr wie ein Zuhause anfühlt, aber das ist ein Schritt, der wahrscheinlich erst mit der Zeit kommt.

Am Abend haben wir uns an der Bar neben der Schule noch ein Bier gekauft und sind durch Kaleo gezogen. Dort wurden wir dann auch gleich von einer Gruppe älterer Herren angesprochen, warum wir sie – typisch deutsch – nicht gegrüßt haben. Dies endete dann in einem stundenlangen Gespräch, in dem wir auch erfahren haben, dass es nicht gerne gesehen wird, wenn man auf der Straße trinkt. Wieder was gelernt!

Lehrer in Ghana: Maximilian Kahl (19) lebt ein Jahr in einem Internat in Kaleo Eintrag 1: Day One in Ghana - 1. September 2017

Der erste Tag lässt sich kurz in einem Wort zusammenfassen: Disaster.

Der Flug von München nach Brüssel hat ja noch ganz gut funktioniert, auch wenn der Abschied von Familie und Freunden – besonders von der Freundin – schwer fiel. Zum Abschied habe ich ein Buch bekommen, in das alle meine Freunde etwas reingeschrieben haben. Das kurz nach dem Abschied im Flugzeug zu lesen, war schon eine harte Sache...

Aber weiter geht's: In Brüssel sollten wir eigentlich planmäßig um halb 10 morgens in die Hauptstadt Accra fliegen, aber natürlich nicht ohne Komplikationen. Kurz vor Abflug – wir saßen alle schon im Flieger – kam die nette Durchsage, dass unser Gepäck auf Grund eines Streiks nicht mit uns fliegen werde, genauere Informationen habe die Fluggesellschaft auch nicht und wir sollten die Angelegenheit dann mit dem Bodenpersonal klären. Nachdem sich einige Passagiere vor „Freude“ über den Zwischenfall nicht beruhigen konnten, drohte Brussel Airlines damit, die nicht zu beruhigenden Passagiere des Flugzeuges zu verweisen. Nach der dritten Verwarnung war dann doch jeder still.

Eine Viertelstunde später wurde dann doch die Ansage gemacht, dass die meisten Gepäckstücke doch an Bord kommen... Dauert hald nur mindestens wieder eine halbe Stunde.

Nach einem sehr angenehmen Flug kommen wir mit eineinhalb Stunden Verspätung in Accra an. Der erste Eindruck war überwältigend. Es war genauso, wie man sich eine afrikanische Stadt vorstellt: ein bisschen dreckig, für den Laien unkoordiniert, aber doch auf seine eigene, unbeschreibliche Art und Weise wunderschön.

Schon im Voraus hatte ich ein möglichst billiges Hotel in Flughafennähe gebucht. In der Beschreibung der Internetseite des Hotels war die Rede von 6 Kilometern zum Flughafen. Als ich dem Taxifahrer die Adresse gab, wies er uns darauf hin, dass es sehr weit weg sei und er uns ein besseres Hotel in der Nähe raten würde. Da ich dahinter einen Trick vermutete, haben wir uns aber geweigert, das Angebot in Anspruch zu nehmen. Das war eindeutig ein Fehler.

Er fuhr uns zu genannter Adresse weit außerhalb der Stadt. Dort sah es ein wenig aus wie in einem Ghetto. Müll lag überall auf der Straße oder wurde dort einfach auf dem „Gehsteig“ verbrannt, überall wuselten Menschen und gingen ihrem alltäglichen Tun nach. Ziegen, Hühner und Kühe liefen herum und es roch von Zeit zu Zeit sehr streng. Der Taxifahrer sagte uns, dass ihm sehr unwohl sei, uns hier rauszulassen, da dies anscheinend eine sehr gefährliche Gegend sei – besonders für Weiße.

Also ließen wir uns überreden, dass er uns doch zu einem anderen Hotel in einer besseren Gegend fährt. Die Fahrtkosten stiegen dadurch natürlich erheblich.

Auf dem Weg ins zweite Hotel konnten wir gut beobachten, welche Verkehrsregeln es hier anscheinend nicht gibt, weil sie nicht beachtet werden. Blinker braucht man nicht, in einer Spur fahren auch nicht, auf zwei Spuren fahren ist viel schöner. Als Motorradfahrer ist es prinzipiell egal, auf welcher Straßenseite man fährt – es ist überall gleich sicher. Wenn man auf die Toilette muss, fährt man einfach schnell rechts ran – egal wo man ist. Und natürlich die Grundregel Nummer eins im Straßenverkehr: immer und überall hupen.

Im Hotel angekommen, sogleich der nächste Schock. An der Preistafel Stand die Zahl 180 für ein Doppelzimmer (Gemeinsam in ein Einzelzimmer, dass nur 100 gekostet hätte, wollte uns das Hotel partout nicht lassen). Von dem Preis erleichtert legte ich dem Hotelier 180 Cedi auf dem Tisch, bis mich der Mann freundlich darauf hinwies, dass der Preis in Dollar ausgeschrieben sei. Na Super! Und noch besser: Als ich mit Karte zahlen wollte, schien diese nicht zu funktionieren. Also musste ich bar über 800 Cedi (circa 160 Euro) zahlen.

Das alles wäre ja gar nicht so schlimm, wenn meine Bankkarte funktionieren würde. So müssen wir nun einfach mal schauen, ob wir morgen noch genug Geld für die etwa 600 Kilometer weite Busreise in die Stadt Wa haben, aber das wird schon irgendwie. Auf ein reiches Abendessen habe ich aus geldtechnischen Gründen verzichtet und mir stattdessen nur zum „Feierabend“ ein ghanesisches Bier gekauft, dass ich einfach probieren musste. Mal schauen, was die nächsten Tage bringen!

von

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