Auslandsblog Eintrag 5: Sinterklaas - Ein unvergessliches Erlebnis - 2. Juni 2017

Mitten im Sommer bei über zwanzig Grad mit viel Sonne und dem Kreischen der Möwen vergisst man leicht, wie kalt und windig es hier in den Haag im Winter war. Wenn ich daran denke, schweifen meine Gedanken zu einem ganz besonderen Tag mitten im Winter: der fünfte Dezember! An diesem Abend geht Sinterklaas (der Heilige Sankt Nikolaus) mit seinen fleißigen Helfern, den Zwarten Pieten, von Haustür zu Haustür und verteilt Geschenke an die holländischen Kinder. Bei manchen wird nur ein Sack davor abgelegt, bei anderen gesellt er sich kurz in die gemütliche Wohnstube und plaudert ein bisschen mit den Kindern. Doch das ist ja eigentlich schon das Ende der Geschichte, also beginne ich ganz von vorne:

Bereits im November beginnt das Spektakel mit der Intocht (Ankunft) von Sinterklaas, die immer am ersten Samstag nach Sankt Martin stattfindet. Die Legende beruht auf dem Heiligen Nikolaus von Myra, uns bekannt als Sankt Nikolaus, der als Schutzpatron der Kinder gilt.

Die holländische Version besagt, dass er das ganze Jahr über in Spanien wohnt und dann mit seinem Stoomboot, den Zwarten Pieten und seinem weißen Pferd Amerigo nach Belgien und Holland fährt, um die Kinder zu beschenken. Jedoch müssen diese ihm natürlich auch etwas geben. Darum dürfen sie, sobald Sinterklaas im Land ist, abends einen Schuh vor den Kamin stellen, indem sich Äpfel oder Möhren für Amerigo befinden. Sie singen Lieder oder sagen Gedichte auf, in der Hoffnung, dass Sinterklaas sie erhört und einen Zwarten Piet durch den Schornstein schickt, der das Futter gegen kleine Geschenke oder Süßigkeiten austauscht. Diesen Brauch kann man ein bisschen mit unserem Adventskalender vergleichen, denn die kleinen Gaben sollen den Kindern das Warten auf den Pakjesavond (Geschenke-Abend) versüßen. Jedoch ist keineswegs jeden Morgen etwas im Schuh zu finden. Da gibt es eine ganz plausible Erklärung der Eltern: „Da bist du wohl gestern nicht brav gewesen!“ oder „Da musst du wohl etwas lauter und enthusiastischer für den Sint singen!“

Zeitgleich beginnt auch das Sinterklaas-Journal, das den Kindern jeden Abend landesweit berichtet, was im Hause des Nikolaus so alles schief geht und sie bangen lässt, ob es dieses Jahr überhaupt Geschenke am fünften Dezember gibt. Die Piete sind hier nicht mehr nur schwarz, sondern blau, grün und rosa, ganz bunt eben, um der Debatte Diskriminierung entgegen zu wirken. Derzeit gibt es nämlich jedes Jahr aufs neue die Diskussion, ob man „Zwarte“ (schwarz) Pieten noch sagen darf.

Und nach all den Vorbereitungen ist es dann endlich soweit: Pakjesavond.

Für mich war dieser Tag einer der Schönsten in meinem Au-pair-Jahr! Man muss dazu sagen, dass dieser Abend für die holländischen Kinder unser „Heilige Abend“ ist. Es ist aber nicht mit Weihnachten zu verwechseln, das wird hier auch gefeiert, jedoch meistens nur im Familienkreise und wenn überhaupt mit kleinen Geschenken.

Meine Gastmutter hatte Bekannte eingeladen, die vormittags eintrafen. Ich hatte mir ausgedacht, mir von den Kindern bei der Essenszubereitung helfen zu lassen und so panierten wir zusammen die Schnitzel für das Mittagessen. Sie hatten unglaublich viel Spaß dabei. Nachmittags machten wir einen langen Spaziergang durch die Dünen und am Strand entlang. Als krönenden Abschluss fuhren wir noch mit dem Riesenrad am Pier, von dem aus man einen unglaublichen Blick auf Den Haag und das Meer genießt! Und dann war es soweit: Mein Kleiner fetzte schon von Fenster zu Fenster, um Ausschau nach Sinterklaas zu halten, da klingelte es an der Tür. Draußen stand Sinterklaas mit zwei Zwarten Pieten und einem riesengroßen Sack voller Geschenke. Meine Gastmutter hat einen Bekannten, der jedes Jahr für sie den Sinterklaas spielt und somit war ich auch die einzige von meinen Freundinnen, die Sinterklaas persönlich begegnete. Beide Kinder und auch ich wurden aufgerufen, um dem Sint ein paar Fragen zu beantworten. Erst nachdem wir ihn herzlich verabschiedet hatten, wurden die Geschenke ausgeteilt. Der Abend endete mit einer gemütlichen Brotzeit. Ich hatte von meiner Gastmutter einen großen Atlas über Holland bekommen und den Anfangsbuchstaben meines Namen aus Schokolade mit reichen Verzierungen. Das bekommt traditionell jeder von Sinterklaas.

Alles in allem war es also ein unvergessliches Erlebnis, das mir immer in Erinnerung bleiben wird. Bei meiner Gastfamilie fühlte ich mich so willkommen und als Teil der Familie. Zusätzlich erinnerte mich dieses Familientreffen so an die unseren zu Hause. Genauso hatte ich mir mein Au-pair-Leben vorgestellt: Man erlebt mit seiner Gastfamilie zusammen die Bräuche und Sitten des anderen Landes. Und dass es so einen großen Unterschied zwischen dem holländischen Weihnachten und dem Deutschen gibt, hätte ich im Leben nicht gedacht!

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