Auslandsblog Eintrag 21: Times goes by so fast - 7. September 2017

Um Mitternacht an einem Sonntag erreicht das Flugzeug von Melbourne den Flughafen in Christchurch/Neuseeland. Ich steige etwas schlaftrunken aus, hole mein Gepäck ab und freue mich auf eine schöne Heimfahrt mit meinem Mitbewohner. Um 1 Uhr in der Früh erreichen wir Hawarden und ich falle todmüde ins Bett. Nach einer etwas zu kurzen Nacht geht es dann am Montagmorgen für mich wieder in die Schule und meine letzten zwei Tage am Hurunui College stehen an – doch so richtig realisieren tue ich es immer noch nicht.

Ich trinke an diesem Tag drei Tassen Kaffee und starte dann in den Unterricht. Ich versuche, komplett auszublenden, dass ich hier nicht mehr lange wohne und arbeite, doch in der letzten Stunde weist eine Lehrkraft die Schüler darauf hin, dass ich heute meine letzte Unterrichtsstunde in diesem Fach in dieser Klasse nach einem Jahr verbringe. Ich versinke im Erdboden und versuche, den durchbohrenden und überraschten Blicken der Schüler aus dem Weg zu gehen

So schnell kann ein Jahr vorbei gehen. Zu schnell! Ich versuche den Termin für die Netball-Fotos, meine Treffen mit Freunden und Gastfamilien für die letzten drei Tage so zu legen, dass ich jeden noch einmal sehe, bevor ich gehe, und so habe ich nach der Arbeit immer viele Termine, bei welchen ich von Ort zu Ort hüpfe, um ja niemanden zu vergessen.

Doch trotzdem muss ich viele Treffen streichen, vergesse so einiges und die Zeit läuft mir davon. Ich muss abwägen, was mir wichtiger ist, doch es fühlt sich sehr schwer an, das so einfach zu entscheiden.

Am Dienstag gehe ich dann – ungeschminkt und gewappnet mit meiner Sonnenbrille – in die Schule und merke, dass ich überhaupt nicht darauf vorbereitet bin. Doch, wie kann man sich auch auf so einen emotionalen Moment vorbereiten? In der Stunde vor der großen Pause werde ich von zwei Schülern auf dem ganzen Campus gesucht und letztendlich aufgespürt. Ich befinde mich zu dem Zeitpunkt ausnahmsweise im Junior Block, um eine letzte Stunde mit dieser Klasse zu verbringen und auf Wiedersehen zu sagen. Sie haben Briefe für mich vorbereitet und wir machen eine kleine Rederunde im Sitzkreis.

Die zwei Schüler finden mich also und wir rennen so schnell wie möglich zu deren Klassenzimmer. Sie erklären mir, es geht um eine Studie, der andere German Volunteer musste gerade am Shop um die Ecke etwas Wichtiges für den Unterricht holen und ohne mich können sie den Unterricht nicht fortsetzen. Sie haben Sozialkunde und behandeln das Thema Erdbeben. Ich bin bereit, sie zu unterstützen und wir rennen zum Klassenzimmer, da sie mir symbolisieren, dass sie Zeit bis zur großen Pause um ihr Projekt fertig zustellen sehr knapp wird.

Doch dort angekommen werden plötzlich alle Blicke auf mich gerichtet und ich finde den anderen German Volunteer, der wohl gerade eben vom Shop wiedergekommen sein muss. Statt konzentriert arbeitenden Schülern vor Laptops, Papier und Plakaten ist jedoch ein kleines Buffet mit leckerem Essen aufgebaut. Mir wird klar, dass ich mit einem Vorwand in dieses Klassenzimmer gelockt wurde und die Schüler überreichen uns zelebrierend Geschenke, während wir zum Morning Tea mit ihnen eingeladen werden. Eine wirklich schöne Überraschung, die in einem schönen und gemütlichen Beisammensein endet.

In der fünften Unterrichtsstunde habe ich dann das Gefühl, am liebsten wegrennen zu wollen, da ich mich nicht verabschieden möchte und vor allem – nicht gehen möchte. Darauf folgt eine Versammlung in der sechsten Stunde mit dem Thema „Verabschiedung der deutschen Freiwilligen“. Ich habe gehofft, mich unauffällig in einer kleinen, dunklen Ecke platzieren zu können, doch stattdessen werden wir eingeladen, auf den zwei Stühlen auf der Bühne Platz zu nehmen. Als wir – die German Volunteer – eine kleine Dankesrede halten, muss ich mich sehr konzentrieren, nicht durchgehend zu weinen und ganze Sätze herauszubekommen.

Die Gestaltung der Abschiedsfeier ist liebevoll und warmherzig. Sie singen für uns und performen einen sehr ergreifenden Hakka. Uns werden maurische, gesegnete Jade-Steine überreicht und die Abschiedsfeier endet in einer sehr emotionalen, riesengroßen Gruppenumarmung. Ich kann nicht fassen, gerade meine letzten Stunden an dieser Schule mit großartigen Schülern, Kollegen und Eltern zu verbringen und bin sehr traurig darüber.

A hug is a perfect gift, one size fits all and no one minds if you can exchange it. – Irving Ball

Am Nachmittag besuche ich weitere Freunde und Gastfamilien und merke, dass ich gar nicht mehr weinen kann, da den ganzen Tag schon so viele Tränen geflossen sind. Ich gehe spät in der Nacht – nach einem großartigen und erlebnisreichen Tag – ins Bett. Ich stelle den Wecker für den nächsten Tag auf 10, um meinen zweiten Koffer hoffentlich mit allen übrigen Dingen voll zu packen. Ich hoffe, alles irgendwie unterkriegen zu können und ohne Übergepäck fliegen zu können. Gegen Vormittag besucht uns glücklicherweise eine gute Freundin, die großartig darin ist, so viel wie möglich in einem Koffer unterzubringen. Sie ist eine große Unterstützung und versüßt uns die Aufgabe mit salzigen Karamell-Tim-Tams. Das sind sehr leckere neuseeländische Schokoladenkekse. Mittags werde ich dann zum Flughafen gebracht und checke ein.

Vielen Dank an die großartige Gemeinschaft des Hurunui College und den Bewohnern in Hawarden. Danke für den warmherzigen Empfang und den emotionalen Abschied. Vielen Dank, dass ich so viel ausprobieren und dazu lernen durfte. Vielen Dank für die großartige Unterstützung, Geduld und Sicherheit. Vielen Dank für die vielen lustigen, dummen, traurigen und wunderschönen Momente, die ich erleben durfte.

Vielen Dank für alles!

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