Auslandsblog Eintrag 3: Die neue Heimat - 1. November 2017

Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.“ Damit hatte Theodor Fontane wohl recht. Allerdings verschweigt er uns in diesem Zitat die Möglichkeit, an verschiedenen Orten Heimat zu finden. Nicht jeder Ort ist gleich, aber oftmals sind es die Menschen in der Umgebung, die einem ein Gefühl von Heimat geben und das Fremde plötzlich ganz vertraut erscheinen lassen.

Nach fast zwei Monaten in der mexikanischen Hauptstadt denke ich, meine Umgebung schon ganz gut einordnen zu können. Bevor nun meine Entdeckungsreise in verschiedene andere Teile des Landes beginnt, möchte ich erst noch meine neuesten Erlebnisse und Erkenntnisse mit euch teilen.

Wo ich zunächst noch der Neue war, der zum ersten Mal frische Quesadillas geschenkt bekam, bin ich heute schon ein oft und gerne gesehener Gast. Was vor wenigen Wochen noch ein riesiges und unüberschaubares Metro-Netzwerk war, ist heute mein selbstverständlicher Arbeits- und Freizeitweg. Auch die außergewöhnliche Verkehrslage, die aufgebrochenen Gehwege, die Elektrohändler am Straßenrand und die Omas mit ihrem Wäsche-Service – alles normal. Vor allem bei dem vielen und omnipräsenten Essen ist mir schon jetzt klar, dass es mir irgendwann fehlen wird. Dennoch kann man nicht sagen, dass jemand Deutschland gesehen hat, nur weil er einmal in Neukölln war. Um zu realisieren, dass Mexiko-Stadt nicht gleich Mexiko ist, muss man nur einmal die äußeren Teile der Stadt besuchen. Als ich mit Karl und Melanie (ebenfalls zwei große, blonde Deutsche – und dabei bin ich mit meinen 1,80 noch der kleinste und am wenigsten blonde) zum ersten Mal in die Außenbezirke, fast schon in die Favelas gereist bin, offenbarte sich sofort eine weitere Seite von Mexiko. Hier waren Leitungswasser und neue Autos schon nicht mehr so oft vertreten wie im urbanen Großstadtleben. Nicht nur uns fiel einiges auf. Nein, auch wir fielen dort viel mehr auf als in der Metropole. Plötzlich drehte sich alles nach den „Gringos“ um und ein paar neugierige Kinder liefen uns sogar einige Meter hinterher.

Auf die ohnehin schon abenteuerliche Kleinbusreise folgte ein noch abenteuerlicherer Aufstieg auf den Vulkan Cerro Xaltepec. Der Weg durch Kakteen und Gestrüpp wurde immerhin mit einer atemberaubenden Aussicht belohnt. Von dem kleinen Hügel im Großstadtmeer aus konnte man plötzlich das ganze Ausmaß der riesigen Betonfläche betrachten. Naja, nicht ganz. Aber immerhin meinen Stadtteil Iztapalapa konnten wir überblicken, der alleine schon rund 800 000 Menschen beherbergt. Die Hochhäuser der Innenstadt konnten wir im Smog leider nur erahnen. Immerhin hatte ich endlich eine Gelegenheit, auch die andere Seite meines Viertels kennenzulernen und kann jetzt auch nachvollziehen, warum so viele Mexikaner zusammengezuckt sind, als ich ihnen erzählte, in welchem Stadtteil ich wohne.

Die alte Gegend war zwar schön, aber ein Tapetenwechsel kann noch schöner sein. Seit meinem Umzug letzte Woche wohne ich nun in Del Valle, einer Gegend mit viel Kunst, Kultur und Nachtleben. Außerdem liegt die neue Wohnung viel näher am Goethe-Institut, was die Arbeitstage noch viel angenehmer macht. Im Moment haben wir ohnehin wieder einige Projekte auf dem Plan. Schon bald findet der große Karriere-Tag mit vielen deutschen Unternehmen statt. Außerdem erstellen wir eine landesweite Statistik und auch das nächste Konzert steht schon in den Startlöchern. Belohnt wird die gute Zusammenarbeit demnächst auch noch mit einem Grillabend bei unserer Chefin. Bei so viel Abwechslung und mit so motivierten Kolleg*innen wie hier machen sogar die täglichen Standardarbeiten wie Reisebuchungen und Stipendienvergabe noch Spaß. Dabei ist es schon bemerkenswert, wie oft man hier seinen Namen am Telefon buchstabieren muss. Aber immerhin hängen gute Unterhaltungen und lateinamerikanische Tanzabende nicht davon ab, ob jemand deinen Nachnamen richtig ausspricht. Bei so vielen aufgeschlossenen und Interessanten Leuten wächst mein Freundes- und Bekanntenkreis mittlerweile stetig und die Beziehungen reichen auch bereits über die Stadt hinaus. Während man sich vor Fiestas und Einladungen kaum mehr retten kann, lässt sich sicherlich noch eine kleine Tour unternehmen. Aber sogar, als Karl und ich vor einer Woche etwas abseits des Großstadt-Lärms in einen Nationalpark geflüchtet sind, um die Natur zu genießen, trafen wir auf eine große Gruppe feiernder Studenten, die uns sofort zu sich einluden.

Zeit, um die Stadt genau kennenzulernen, war bereits genug. Deshalb verbringen wir jetzt die Feiertage in Guadalajara. Bald darauf sind noch ein paar Reisen nach Tepoztlán, Puerto Escondido, Puebla, Hidalgo, Los Angeles, Tijuana und Oaxaca geplant. Langsam wird es Zeit, auch den Rest dieses riesigen Landes unter die Lupe zu nehmen und zu genießen. Ob mir durch die Zeit in Mexiko noch mehr klar wird, was ich an meiner Straubinger Heimat besitze, wird sich wohl noch herausstellen. Bisher hat mich der riesige Betonhaufen der Stadt nur gelehrt, dass mir die Natur der Heimat sehr am Herzen liegt. Allerdings gibt es noch viele Gebiete des Landes, die sich durch ihre reichhaltige und vielfältige Natur auszeichnen.

Vielleicht kann man ja Fontanes Zitat noch dahingehend ergänzen, dass die Fremde oft der Heimat sehr ähnlich sein kann. Ob das der Fall ist, werden wir noch sehen. Jedenfalls freue ich mich schon auf die kommende Zeit.

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