Vor einem Monat hat die Reise begonnen und ganze drei Wochen lebe ich schon in CDMX, wie die Stadt hier überall liebevoll angekürzt wird. Langsam könnte man meinen, dass sich alles beruhigen könnte. Wirklich ruhig wird es in der Metropole Mexico City aber wohl nie. Die mit Abstand berauschendste Woche war aber zweifellos die erste, und zwar aus mehreren Gründen.

Angekommen bin ich zur besten Zeit überhaupt, sodass ich schon vom Flugzeug aus nach hunderten Meilen Wüste eine riesige Metropole mit Wolkenkratzern im Sonnenuntergang bewundern durfte. Während die dunkle Stadt dann von unzähligen Lichtern erleuchtet wurde, erzählte mir mein Taxifahrer Geschichten von seinem Leben in der Stadt, während ich mit großen Augen zuhörte und an der Fensterscheibe klebte. Endlich waren wir in einem riesigen Wohnkomplex angekommen. Hier sollte ich meine ersten sechs Wochen verbringen. Haus D6, Wohnung 243 – eine Anlage, die so groß ist, dass sie schon ihre ganz eigene Gesellschaft birgt. Im Innenhof spielten Kinder Fußball, aus dutzenden Fenstern erklang Musik, man traf sich vor den Fenstern von Frauen, die ihr Schlafzimmer zum Kiosk umfunktioniert hatten, und zwischen zwei Gebäuden wurde an einem kleinen Stand Essen verkauft. Marco hieß mich mit einer Ladung seiner phänomenalen Quesadillas Willkommen. Das war der Zeitpunkt, an dem meine kulinarische Entdeckungsreise begonnen hat – und damit meine Zeit hier in Mexiko.

Nach zwei kurzen und angenehmen Tagen Arbeit kam dann schon das erste ganz große Ereignis. Der „Día de la Independencia“, der höchste aller mexikanischen Feiertage. Glücklicherweise wurde ich von einer Freundin, die ich vor ein paar Jahren im Urlaub kennengelernt hatte, zu ihrer Familie eingeladen, um das Wochenende gemeinsam mit ihnen im Ferienhaus in Ixtápan de la Sal zu verbringen. Hier war das volle mexikanische Programm angesagt. Nie endende Paraden, tausende tanzende Menschen, riesige Böller, viel Tequila und alles, was ein echter Mexikaner mal gegessen haben muss: Tacos mit Fleisch vom Kopf einer Kuh, Suppe mit Magen, überbackenen Kaktus, Mole und noch viel mehr. Und währenddessen war alles grün-weiß-rot. Wirklich alles, sogar mein Gesicht. Während der ausgelassenen Feier lernte ich dann auch noch meine neuen Amigos kennen, die mich gleich auf den nächsten Geburtstag einladen wollten. Bei so viel Herzlichkeit kann man seine ersten Tage in einem fremden Land einfach nur genießen! Nur zwei Tage nach dem ausgelassenen Feiern kippte auf eine Schlag die Stimmung im ganzen Land und ich durfte eines der schwersten Erdbeben in der Geschichte der mexikanischen Hauptstadt miterleben. Als ich gerade mit ein paar Tacos in der Hand mein Mittagessen auf der Straße genießen wollte, hatte ich das Gefühl, um mich würde sich alles drehen. Einen Augenblick später fühlte sich die Erde an wie der Boden eines Schiffs bei starkem Wellengang. Gemeinsam mit meiner Kollegin und hunderten Mexikanern, die aus ihren Häusern geflüchtet waren, standen wir mitten auf einer Kreuzung und beobachteten, was alles passierte: Strommasten schwangen zehn Meter hin und her, Autos standen plötzlich nicht mehr in ihren Parklücken, Gehwege hoben sich und nur eine Straße weiter gab es einen lauten Knall und große Teile eines Gebäudes vielen auf die Straße herab. Menschen lagen sich weinend und betend in den Armen und erinnerten sich daran, dass genau heute der Jahrestag des schrecklichen Bebens von 1985 in der Stadt war. Die Arbeitswoche war damit erst einmal gelaufen und gemeinsam mit drei Kolleginnen folgte ich den Stadtbewohnern. Je mehr wir von der Stadt sahen und je mehr Nachrichten aus Deutschland über das teilweise zusammengebrochene Telefonnetz zu uns drangen, desto mehr wurde uns bewusst, in welcher Ausnahmesituation sich die Stadt im Moment befand. Wir setzten uns in einen Park und beobachteten riesige Menschenmassen, die in eine Richtung strömten, Männer mit Verbrennungen von den vielen Gasexplosionen und unzählige Helfer mit Helmen und Schaufeln, die dort hin rannten, wo gerade des nächste Haus eingestürzt war und Menschen unter sich begraben hatte.

Gott sei Dank ist allen Freunden, Bekannten und Kollegen nichts passiert. Dennoch ist der unglaubliche Zusammenhalt und die Hilfsbereitschaft tausender Mexikaner in den Folgetagen unbedingt erwähnenswert. Auch in meinem Wohnblock haben sich alle gegenseitig geholfen und verpflegt, während es eine ganze Woche kein fließendes Wasser gab. Jetzt, zwei Wochen später ist in fast allen Teilen der Stadt wieder Normalität eingekehrt.

Auch der Arbeitsalltag geht weiter und schon steht unser nächtes großes Projekt in der Tür. Gestern durfte ich Taiga Trece und ihre Band vom Flughafen abholen und mir von ihr und den beiden Jungs ein kleines Gefühl von Heimat geben lassen. Die deutsch-spanische Rapperin hält noch diese Woche zwei Konzerte hier in Mexiko und damit haben wir noch einiges an Arbeit. Nach all den Erlebnissen in den letzten Wochen könnte man fast meinen, der Job würde zu kurz kommen. Da dem aber nicht so ist, wird es wohl beim nächsten mal etwas mehr dazu geben.