Auslandsblog Eintrag 3: Die neue Heimat - 1. November 2017

Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.“ Damit hatte Theodor Fontane wohl recht. Allerdings verschweigt er uns in diesem Zitat die Möglichkeit, an verschiedenen Orten Heimat zu finden. Nicht jeder Ort ist gleich, aber oftmals sind es die Menschen in der Umgebung, die einem ein Gefühl von Heimat geben und das Fremde plötzlich ganz vertraut erscheinen lassen.

Nach fast zwei Monaten in der mexikanischen Hauptstadt denke ich, meine Umgebung schon ganz gut einordnen zu können. Bevor nun meine Entdeckungsreise in verschiedene andere Teile des Landes beginnt, möchte ich erst noch meine neuesten Erlebnisse und Erkenntnisse mit euch teilen.

Wo ich zunächst noch der Neue war, der zum ersten Mal frische Quesadillas geschenkt bekam, bin ich heute schon ein oft und gerne gesehener Gast. Was vor wenigen Wochen noch ein riesiges und unüberschaubares Metro-Netzwerk war, ist heute mein selbstverständlicher Arbeits- und Freizeitweg. Auch die außergewöhnliche Verkehrslage, die aufgebrochenen Gehwege, die Elektrohändler am Straßenrand und die Omas mit ihrem Wäsche-Service – alles normal. Vor allem bei dem vielen und omnipräsenten Essen ist mir schon jetzt klar, dass es mir irgendwann fehlen wird. Dennoch kann man nicht sagen, dass jemand Deutschland gesehen hat, nur weil er einmal in Neukölln war. Um zu realisieren, dass Mexiko-Stadt nicht gleich Mexiko ist, muss man nur einmal die äußeren Teile der Stadt besuchen. Als ich mit Karl und Melanie (ebenfalls zwei große, blonde Deutsche – und dabei bin ich mit meinen 1,80 noch der kleinste und am wenigsten blonde) zum ersten Mal in die Außenbezirke, fast schon in die Favelas gereist bin, offenbarte sich sofort eine weitere Seite von Mexiko. Hier waren Leitungswasser und neue Autos schon nicht mehr so oft vertreten wie im urbanen Großstadtleben. Nicht nur uns fiel einiges auf. Nein, auch wir fielen dort viel mehr auf als in der Metropole. Plötzlich drehte sich alles nach den „Gringos“ um und ein paar neugierige Kinder liefen uns sogar einige Meter hinterher.

Auf die ohnehin schon abenteuerliche Kleinbusreise folgte ein noch abenteuerlicherer Aufstieg auf den Vulkan Cerro Xaltepec. Der Weg durch Kakteen und Gestrüpp wurde immerhin mit einer atemberaubenden Aussicht belohnt. Von dem kleinen Hügel im Großstadtmeer aus konnte man plötzlich das ganze Ausmaß der riesigen Betonfläche betrachten. Naja, nicht ganz. Aber immerhin meinen Stadtteil Iztapalapa konnten wir überblicken, der alleine schon rund 800 000 Menschen beherbergt. Die Hochhäuser der Innenstadt konnten wir im Smog leider nur erahnen. Immerhin hatte ich endlich eine Gelegenheit, auch die andere Seite meines Viertels kennenzulernen und kann jetzt auch nachvollziehen, warum so viele Mexikaner zusammengezuckt sind, als ich ihnen erzählte, in welchem Stadtteil ich wohne.

Die alte Gegend war zwar schön, aber ein Tapetenwechsel kann noch schöner sein. Seit meinem Umzug letzte Woche wohne ich nun in Del Valle, einer Gegend mit viel Kunst, Kultur und Nachtleben. Außerdem liegt die neue Wohnung viel näher am Goethe-Institut, was die Arbeitstage noch viel angenehmer macht. Im Moment haben wir ohnehin wieder einige Projekte auf dem Plan. Schon bald findet der große Karriere-Tag mit vielen deutschen Unternehmen statt. Außerdem erstellen wir eine landesweite Statistik und auch das nächste Konzert steht schon in den Startlöchern. Belohnt wird die gute Zusammenarbeit demnächst auch noch mit einem Grillabend bei unserer Chefin. Bei so viel Abwechslung und mit so motivierten Kolleg*innen wie hier machen sogar die täglichen Standardarbeiten wie Reisebuchungen und Stipendienvergabe noch Spaß. Dabei ist es schon bemerkenswert, wie oft man hier seinen Namen am Telefon buchstabieren muss. Aber immerhin hängen gute Unterhaltungen und lateinamerikanische Tanzabende nicht davon ab, ob jemand deinen Nachnamen richtig ausspricht. Bei so vielen aufgeschlossenen und Interessanten Leuten wächst mein Freundes- und Bekanntenkreis mittlerweile stetig und die Beziehungen reichen auch bereits über die Stadt hinaus. Während man sich vor Fiestas und Einladungen kaum mehr retten kann, lässt sich sicherlich noch eine kleine Tour unternehmen. Aber sogar, als Karl und ich vor einer Woche etwas abseits des Großstadt-Lärms in einen Nationalpark geflüchtet sind, um die Natur zu genießen, trafen wir auf eine große Gruppe feiernder Studenten, die uns sofort zu sich einluden.

Zeit, um die Stadt genau kennenzulernen, war bereits genug. Deshalb verbringen wir jetzt die Feiertage in Guadalajara. Bald darauf sind noch ein paar Reisen nach Tepoztlán, Puerto Escondido, Puebla, Hidalgo, Los Angeles, Tijuana und Oaxaca geplant. Langsam wird es Zeit, auch den Rest dieses riesigen Landes unter die Lupe zu nehmen und zu genießen. Ob mir durch die Zeit in Mexiko noch mehr klar wird, was ich an meiner Straubinger Heimat besitze, wird sich wohl noch herausstellen. Bisher hat mich der riesige Betonhaufen der Stadt nur gelehrt, dass mir die Natur der Heimat sehr am Herzen liegt. Allerdings gibt es noch viele Gebiete des Landes, die sich durch ihre reichhaltige und vielfältige Natur auszeichnen.

Vielleicht kann man ja Fontanes Zitat noch dahingehend ergänzen, dass die Fremde oft der Heimat sehr ähnlich sein kann. Ob das der Fall ist, werden wir noch sehen. Jedenfalls freue ich mich schon auf die kommende Zeit.

Hinein in die Mega-City: Kilian Schmid (19) aus Mitterfels verbringt sechs Monate in Mexico Stadt Hinein in die Mega-City: Kilian Schmid (19) aus Mitterfels verbringt sechs Monate in Mexico Stadt

Das Studium steht vor der Tür. Doch bevor es für Kilian Schmid aus Mitterfels im Landkreis Straubing-Bogen an die Uni geht, verbringt er sechs Monate in Mexico-Stadt, der Hauptstadt von Mexiko. Mit über 20 Millionen Einwohnern ist Mexiko-Stadt eine der größten Städte der Welt. Wieso es Kilian dorthin verschlägt? Er nimmt am Programm "kulturweit" von UNESCO teil und arbeitet ein halbes Jahr am Goethe-Institut in Mexiko.

Was Kilian in seiner Zeit in Mexiko-Stadt erlebt, lest ihr in seinem Auslandsblog.

Hinein in die Mega-City: Kilian Schmid (19) aus Mitterfels verbringt sechs Monate in Mexico Stadt Eintrag 4: Bunte Vielfalt statt grauer Häuser - 29. Dezember 2017

Der Tod in all seinen Farben

Allerseelen ist ja ein christliches Fest und durch den spanischen Kolonialismus hat sich natürlich auch die christliche Lebensweise in Mittel- und Südamerika verbreitet. Dass aber selbst verwandte Feste so stark unterschiedliche Ausprägungen haben können, wenn es um die Verstorbenen geht, ist bemerkenswert. Bestimmt ist die große Mehrheit der Leser*innen in Deutschland an Allerseelen betend am Grab gestanden. Auch hier in Mexiko wurde der Toten gedacht. Allerdings nicht in Schwarz, sondern mit vielen verschiedenen bunten Farben. Bunte Altäre wurden mit Blumen geschmückt, Leibspeisen der verstorbenen Verwandten und süßes Brot wurden darauf gelegt und alles mit farbigen Girlanden verziert. Auf keiner durfte das Motiv der Calaveras, also der bemalten Totenköpfe fehlen, und so wurde mit Musik und Tanz das Leben der Toten gefeiert. Nicht zu vergessen, dass neben der allseits verehrten Mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo und vielen anderen Ikonen auch Freddie Mercury eine riesige Ofrenda gewidmet wurde!

All diese Zeremonien wollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen und verbrachte die Feiertage in Guadalajara, wo ich die liebe Cerstin zum ersten Mal seit unserem Abschied in Berlin wieder sehen konnte. Der Flug war kurz und hat sich absolut gelohnt. Mit seinen 6 Millionen Einwohnern kann ich Guadalajara mittlerweile als Dorf abstempeln. Klingt nach einem Witz? Nein, ich meine es ernst: Im Vergleich zur Mega-City wirkt die zweitgrößte Stadt Mexikos absolut ruhig und in den Seitenstraßen trifft man nachts plötzlich niemanden mehr. Selbst einige Einwohner gaben zu, dass die Stadt der Tapatíos den Charakter eines Dorfs hat. Da ich mich über die Tage bei Cerstin und ihren internationalen Mitbewohner*innen einquartieren durfte, war die Lage optimal und wir waren direkt im wunderschönen historischen Zentrum. Ihr Arbeitsplatz, eine Art High School, liegt zwar etwas weiter entfernt, aber das macht dementsprechend nichts aus. Der Große Vorteil: Der Kontakt zu jungen Leuten ist direkt in der Arbeit mit inbegriffen und so kam es, dass wir direkt nach unserer Ankunft zur ersten Fiesta eingeladen wurden. Diese sollte nicht die letzte sein und so starteten wir gemeinsam in eines der aufregendsten und erlebnisreichsten Wochenenden aller Zeiten!

Eine Tour mit Blumen, Musik und Gläsern

Da also war er, der Día de los Muertos. Hier in Mexiko trumpfte Walt Disney gleichzeitig mit seinem Film „Coco“ auf und sorgte trotz anfänglicher Skepsis über die Kommerzialisierung für einen riesigen Ansturm auf die Kinokassen. Angeblich soll der Film bald auch in Deutschland laufen und den Menschen auf der ganzen Welt einen kleinen Einblick in den bunten Totentag geben. Ob er in anderen Sprachen und Ländern genauso erfolgreich sein wird, kann ich leider nicht versprechen. Empfehlen kann ich den Streifen aber allemal. Nachdem wir uns zwischen all den bunten Blumen auch noch als Calaveras anmalen ließen, war unser Ausflug bereits perfekt. Die absolute Krönung bildete allerdings die Tour nach Tequila. Tequila ist natuerlich nicht nur eine Spirituose. Auch ein Dorf trägt diesen Namen! Allerdings liegen die beiden Begriffe sehr nah beieinander. Tequila gilt als DER Vorzeigeort für das beliebte und hier so typische Getraenk. Gemeinsam mit drei anderen Deutschen, die unsere Freundin Liva über die Arbeit aufgetrieben hatte, nutzten wir unser Sonderangebot für eine Tequila-Tour voll aus. Eine Expertin führte uns zunächst durch die Destillerie Tres Mujeres. Ernte, Destillation und schließlich die Reifekeller. Danach brachte sie uns zu einem riesigen Agavenfeld, in dessen Mitte ein Pavillon stand. Vor Ort spielte eine Mariachi-Band auf und nach ein paar fast schon religiösen Worten wurde ein Tequila nach dem anderen verkostet. Qualität steigend!

Spätestens jetzt können wir mit Sicherheit behaupten, dass die Flasche mit Sombrero, die in deutschen Supermarktregalen steht, nichts mit dem zu tun hat, was wir Experten unter Tequila verstehen.

Nach fünf unvergesslichen Tagen und einigen schlaflosen Nächten suchte ich mir dann am frühen Morgen gemeinsam mit Karl einen Bus, der uns rechtzeitig zur Arbeitswoche zurück in die harte Realität der Großstadt bringen würde.

Nach den erholsamen Feiertagen gab es immerhin einiges zu tun. Vor allem der große Career Day, den wir am Goethe-Institut organisiert hatten, hat uns einiges abverlangt. Aber auch der ist unter großer Beachtung der Öffentlichkeit gut verlaufen und jetzt wäre erst mal ein Erholungsurlaub angebracht. Ach ja: Als Nächstes würde ich euch gerne über einen ersten Advent mit viel Sonne am Strand erzählen...

Hinein in die Mega-City: Kilian Schmid (19) aus Mitterfels verbringt sechs Monate in Mexico Stadt Eintrag 3: Die neue Heimat - 1. November 2017

Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.“ Damit hatte Theodor Fontane wohl recht. Allerdings verschweigt er uns in diesem Zitat die Möglichkeit, an verschiedenen Orten Heimat zu finden. Nicht jeder Ort ist gleich, aber oftmals sind es die Menschen in der Umgebung, die einem ein Gefühl von Heimat geben und das Fremde plötzlich ganz vertraut erscheinen lassen.

Nach fast zwei Monaten in der mexikanischen Hauptstadt denke ich, meine Umgebung schon ganz gut einordnen zu können. Bevor nun meine Entdeckungsreise in verschiedene andere Teile des Landes beginnt, möchte ich erst noch meine neuesten Erlebnisse und Erkenntnisse mit euch teilen.

Wo ich zunächst noch der Neue war, der zum ersten Mal frische Quesadillas geschenkt bekam, bin ich heute schon ein oft und gerne gesehener Gast. Was vor wenigen Wochen noch ein riesiges und unüberschaubares Metro-Netzwerk war, ist heute mein selbstverständlicher Arbeits- und Freizeitweg. Auch die außergewöhnliche Verkehrslage, die aufgebrochenen Gehwege, die Elektrohändler am Straßenrand und die Omas mit ihrem Wäsche-Service – alles normal. Vor allem bei dem vielen und omnipräsenten Essen ist mir schon jetzt klar, dass es mir irgendwann fehlen wird. Dennoch kann man nicht sagen, dass jemand Deutschland gesehen hat, nur weil er einmal in Neukölln war. Um zu realisieren, dass Mexiko-Stadt nicht gleich Mexiko ist, muss man nur einmal die äußeren Teile der Stadt besuchen. Als ich mit Karl und Melanie (ebenfalls zwei große, blonde Deutsche – und dabei bin ich mit meinen 1,80 noch der kleinste und am wenigsten blonde) zum ersten Mal in die Außenbezirke, fast schon in die Favelas gereist bin, offenbarte sich sofort eine weitere Seite von Mexiko. Hier waren Leitungswasser und neue Autos schon nicht mehr so oft vertreten wie im urbanen Großstadtleben. Nicht nur uns fiel einiges auf. Nein, auch wir fielen dort viel mehr auf als in der Metropole. Plötzlich drehte sich alles nach den „Gringos“ um und ein paar neugierige Kinder liefen uns sogar einige Meter hinterher.

Auf die ohnehin schon abenteuerliche Kleinbusreise folgte ein noch abenteuerlicherer Aufstieg auf den Vulkan Cerro Xaltepec. Der Weg durch Kakteen und Gestrüpp wurde immerhin mit einer atemberaubenden Aussicht belohnt. Von dem kleinen Hügel im Großstadtmeer aus konnte man plötzlich das ganze Ausmaß der riesigen Betonfläche betrachten. Naja, nicht ganz. Aber immerhin meinen Stadtteil Iztapalapa konnten wir überblicken, der alleine schon rund 800 000 Menschen beherbergt. Die Hochhäuser der Innenstadt konnten wir im Smog leider nur erahnen. Immerhin hatte ich endlich eine Gelegenheit, auch die andere Seite meines Viertels kennenzulernen und kann jetzt auch nachvollziehen, warum so viele Mexikaner zusammengezuckt sind, als ich ihnen erzählte, in welchem Stadtteil ich wohne.

Die alte Gegend war zwar schön, aber ein Tapetenwechsel kann noch schöner sein. Seit meinem Umzug letzte Woche wohne ich nun in Del Valle, einer Gegend mit viel Kunst, Kultur und Nachtleben. Außerdem liegt die neue Wohnung viel näher am Goethe-Institut, was die Arbeitstage noch viel angenehmer macht. Im Moment haben wir ohnehin wieder einige Projekte auf dem Plan. Schon bald findet der große Karriere-Tag mit vielen deutschen Unternehmen statt. Außerdem erstellen wir eine landesweite Statistik und auch das nächste Konzert steht schon in den Startlöchern. Belohnt wird die gute Zusammenarbeit demnächst auch noch mit einem Grillabend bei unserer Chefin. Bei so viel Abwechslung und mit so motivierten Kolleg*innen wie hier machen sogar die täglichen Standardarbeiten wie Reisebuchungen und Stipendienvergabe noch Spaß. Dabei ist es schon bemerkenswert, wie oft man hier seinen Namen am Telefon buchstabieren muss. Aber immerhin hängen gute Unterhaltungen und lateinamerikanische Tanzabende nicht davon ab, ob jemand deinen Nachnamen richtig ausspricht. Bei so vielen aufgeschlossenen und Interessanten Leuten wächst mein Freundes- und Bekanntenkreis mittlerweile stetig und die Beziehungen reichen auch bereits über die Stadt hinaus. Während man sich vor Fiestas und Einladungen kaum mehr retten kann, lässt sich sicherlich noch eine kleine Tour unternehmen. Aber sogar, als Karl und ich vor einer Woche etwas abseits des Großstadt-Lärms in einen Nationalpark geflüchtet sind, um die Natur zu genießen, trafen wir auf eine große Gruppe feiernder Studenten, die uns sofort zu sich einluden.

Zeit, um die Stadt genau kennenzulernen, war bereits genug. Deshalb verbringen wir jetzt die Feiertage in Guadalajara. Bald darauf sind noch ein paar Reisen nach Tepoztlán, Puerto Escondido, Puebla, Hidalgo, Los Angeles, Tijuana und Oaxaca geplant. Langsam wird es Zeit, auch den Rest dieses riesigen Landes unter die Lupe zu nehmen und zu genießen. Ob mir durch die Zeit in Mexiko noch mehr klar wird, was ich an meiner Straubinger Heimat besitze, wird sich wohl noch herausstellen. Bisher hat mich der riesige Betonhaufen der Stadt nur gelehrt, dass mir die Natur der Heimat sehr am Herzen liegt. Allerdings gibt es noch viele Gebiete des Landes, die sich durch ihre reichhaltige und vielfältige Natur auszeichnen.

Vielleicht kann man ja Fontanes Zitat noch dahingehend ergänzen, dass die Fremde oft der Heimat sehr ähnlich sein kann. Ob das der Fall ist, werden wir noch sehen. Jedenfalls freue ich mich schon auf die kommende Zeit.

Hinein in die Mega-City: Kilian Schmid (19) aus Mitterfels verbringt sechs Monate in Mexico Stadt Eintrag 2: ¡Viva México! - 4. Oktober 2017

Vor einem Monat hat die Reise begonnen und ganze drei Wochen lebe ich schon in CDMX, wie die Stadt hier überall liebevoll angekürzt wird. Langsam könnte man meinen, dass sich alles beruhigen könnte. Wirklich ruhig wird es in der Metropole Mexico City aber wohl nie. Die mit Abstand berauschendste Woche war aber zweifellos die erste, und zwar aus mehreren Gründen.

Angekommen bin ich zur besten Zeit überhaupt, sodass ich schon vom Flugzeug aus nach hunderten Meilen Wüste eine riesige Metropole mit Wolkenkratzern im Sonnenuntergang bewundern durfte. Während die dunkle Stadt dann von unzähligen Lichtern erleuchtet wurde, erzählte mir mein Taxifahrer Geschichten von seinem Leben in der Stadt, während ich mit großen Augen zuhörte und an der Fensterscheibe klebte. Endlich waren wir in einem riesigen Wohnkomplex angekommen. Hier sollte ich meine ersten sechs Wochen verbringen. Haus D6, Wohnung 243 – eine Anlage, die so groß ist, dass sie schon ihre ganz eigene Gesellschaft birgt. Im Innenhof spielten Kinder Fußball, aus dutzenden Fenstern erklang Musik, man traf sich vor den Fenstern von Frauen, die ihr Schlafzimmer zum Kiosk umfunktioniert hatten, und zwischen zwei Gebäuden wurde an einem kleinen Stand Essen verkauft. Marco hieß mich mit einer Ladung seiner phänomenalen Quesadillas Willkommen. Das war der Zeitpunkt, an dem meine kulinarische Entdeckungsreise begonnen hat – und damit meine Zeit hier in Mexiko.

Nach zwei kurzen und angenehmen Tagen Arbeit kam dann schon das erste ganz große Ereignis. Der „Día de la Independencia“, der höchste aller mexikanischen Feiertage. Glücklicherweise wurde ich von einer Freundin, die ich vor ein paar Jahren im Urlaub kennengelernt hatte, zu ihrer Familie eingeladen, um das Wochenende gemeinsam mit ihnen im Ferienhaus in Ixtápan de la Sal zu verbringen. Hier war das volle mexikanische Programm angesagt. Nie endende Paraden, tausende tanzende Menschen, riesige Böller, viel Tequila und alles, was ein echter Mexikaner mal gegessen haben muss: Tacos mit Fleisch vom Kopf einer Kuh, Suppe mit Magen, überbackenen Kaktus, Mole und noch viel mehr. Und währenddessen war alles grün-weiß-rot. Wirklich alles, sogar mein Gesicht. Während der ausgelassenen Feier lernte ich dann auch noch meine neuen Amigos kennen, die mich gleich auf den nächsten Geburtstag einladen wollten. Bei so viel Herzlichkeit kann man seine ersten Tage in einem fremden Land einfach nur genießen! Nur zwei Tage nach dem ausgelassenen Feiern kippte auf eine Schlag die Stimmung im ganzen Land und ich durfte eines der schwersten Erdbeben in der Geschichte der mexikanischen Hauptstadt miterleben. Als ich gerade mit ein paar Tacos in der Hand mein Mittagessen auf der Straße genießen wollte, hatte ich das Gefühl, um mich würde sich alles drehen. Einen Augenblick später fühlte sich die Erde an wie der Boden eines Schiffs bei starkem Wellengang. Gemeinsam mit meiner Kollegin und hunderten Mexikanern, die aus ihren Häusern geflüchtet waren, standen wir mitten auf einer Kreuzung und beobachteten, was alles passierte: Strommasten schwangen zehn Meter hin und her, Autos standen plötzlich nicht mehr in ihren Parklücken, Gehwege hoben sich und nur eine Straße weiter gab es einen lauten Knall und große Teile eines Gebäudes vielen auf die Straße herab. Menschen lagen sich weinend und betend in den Armen und erinnerten sich daran, dass genau heute der Jahrestag des schrecklichen Bebens von 1985 in der Stadt war. Die Arbeitswoche war damit erst einmal gelaufen und gemeinsam mit drei Kolleginnen folgte ich den Stadtbewohnern. Je mehr wir von der Stadt sahen und je mehr Nachrichten aus Deutschland über das teilweise zusammengebrochene Telefonnetz zu uns drangen, desto mehr wurde uns bewusst, in welcher Ausnahmesituation sich die Stadt im Moment befand. Wir setzten uns in einen Park und beobachteten riesige Menschenmassen, die in eine Richtung strömten, Männer mit Verbrennungen von den vielen Gasexplosionen und unzählige Helfer mit Helmen und Schaufeln, die dort hin rannten, wo gerade des nächste Haus eingestürzt war und Menschen unter sich begraben hatte.

Gott sei Dank ist allen Freunden, Bekannten und Kollegen nichts passiert. Dennoch ist der unglaubliche Zusammenhalt und die Hilfsbereitschaft tausender Mexikaner in den Folgetagen unbedingt erwähnenswert. Auch in meinem Wohnblock haben sich alle gegenseitig geholfen und verpflegt, während es eine ganze Woche kein fließendes Wasser gab. Jetzt, zwei Wochen später ist in fast allen Teilen der Stadt wieder Normalität eingekehrt.

Auch der Arbeitsalltag geht weiter und schon steht unser nächtes großes Projekt in der Tür. Gestern durfte ich Taiga Trece und ihre Band vom Flughafen abholen und mir von ihr und den beiden Jungs ein kleines Gefühl von Heimat geben lassen. Die deutsch-spanische Rapperin hält noch diese Woche zwei Konzerte hier in Mexiko und damit haben wir noch einiges an Arbeit. Nach all den Erlebnissen in den letzten Wochen könnte man fast meinen, der Job würde zu kurz kommen. Da dem aber nicht so ist, wird es wohl beim nächsten mal etwas mehr dazu geben.

Hinein in die Mega-City: Kilian Schmid (19) aus Mitterfels verbringt sechs Monate in Mexico Stadt Eintrag 1: Ab nach Mexiko-City - 3. September 2017

„Und was machst du so nach dem Abi?“ Das war wohl die Frage, die nicht nur mich, sondern auch hunderte andere Abiturienten im Landkreis Straubing-Bogen nun monatelang verfolgt hat. In 99% aller Fälle war die Antwort darauf Studium, Ausbildung, ein Jahr im Ausland oder eben: Keine Ahnung! Umso überraschter reagierten die meisten Leute, als ich erzählte, dass ich mit der UNESCO ein halbes Jahr am Goethe-Institut in Mexiko arbeiten werde. Bevor sich jetzt auch auf eurer Stirn Falten bilden und sich um UNESCO, kulturweit und vielleicht sogar Mexiko Fragezeichen häufen, würde ich euch aber erst mal gern über alles aufklären.

Nach zwei Jahren UNESCO-Arbeit an meiner Schule, also Arbeit mit Bildung, Wissenschaft und Kultur, war ich eigentlich ganz klar direkt in Richtung Studium und Arbeit unterwegs. Dass mir schon vor Monaten ein Programm namens „kulturweit“ ans Herz gelegt wurde, hatte ich zwar auf dem Schreibtisch – aber noch lange nicht im Kopf. Irgendwann musste ich mir dann aber doch die Zeit nehmen, mich etwas genauer darüber zu informieren. Und ich war begeistert!

Monatelange interkulturelle Erfahrungen auf der ganzen Welt, Arbeitsstellen an herausragenden Institutionen, Erstattung von Reisekosten, interessante Seminare und vor allem Möglichkeiten, nach Südamerika zu reisen – das alles würde sich mir bieten. Letzteres war besonders dahingehend interessant, dass ich Spanisch auch im Studium brauchen würde und sich meine Sprachkenntnisse locker noch verbessern lassen.

So ging sie also los, die Bewerbung ins Blaue hinein. Von Oktober bis April erstreckte sich das sechsmonatige Berwebunsverfahren und als einer von 4000 Interessenten hatte man keinen Schimmer, ob – und wenn überhaupt – wohin man geschickt werden könnte. Als dann nach mehreren Mails und Skype-Telefonaten im April endlich der Bescheid kam, dass ich in der Verwaltung am Goethe-Institut in Mexiko-Stadt eingesetzt werden würde, war ich erleichtert. Erleichtert und gleichzeitig gespannt, welche Überraschungen und Besonderheiten die fünftgrößte Stadt der Welt mit sich bringen würde.

Diese Spannung hat bis heute angehalten und jetzt ist es schon so weit: Am 1. September ging es los zum Vorbereitungsseminar in der EJB Werbellinsee – und damit zu den letzten zehn Tagen in Deutschland. Als ich gemeinsam mit meiner neuen Kollegin aus Guadalajara nach Berlin gereist bin und wir auf die ersten von 300 anderen Freiwilligen trafen, hatten wir beide das gleiche Gefühl. Wir wussten beide, dass nun eine ganz besondere Zeit beginnen würde, und, dass wir außergewöhnlich viele neue Leute treffen werden. Denn ab sofort war die Frage nicht mehr, was man nach dem Abi machen würde. Die neue Frage würde lauten: „Und in welchem Land bist du?“

In diesen Tagen werden sich bestimmt nicht nur Fragen, sondern auch einige Antworten offenbaren. Über alle Antworten und wahrscheinlich auch über die eine oder andere neue Frage, die sich auf meiner Reise ergeben, möchte ich euch weiterhin auf dem Laufenden halten. Bis dahin liebe Grüße aus Berlin!

Euer Kilian

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