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Artikel vom 05. März 2013 07:31, 158 mal gelesen

Kriseninterventionsdienst

Erste Hilfe für die Seele

Der Kriseninterventionsdienst bietet psychische Hilfe nach Unglücks- und Notfällen

Autor: Thomas Gärtner
Die Mitglieder des Kriseninterventionsdienstes haben eine Ausbildung im Sanistäts- oder Rettungsdienst und gehören dem Kreisverband des Bayerischen Roten Kreuzes an. (Foto: gt)

Die Mitglieder des Kriseninterventionsdienstes haben eine Ausbildung im Sanistäts- oder Rettungsdienst und gehören dem Kreisverband des Bayerischen Roten Kreuzes an. (Foto: gt)

"Wir haben Zeit, sind da und hören zu", so beschreiben Claudia Hobitz und Stephan Bugl die Arbeit des Kriseninterventionsdienstes (KID) im Kreisverband Landshut des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK). Hobitz, Bugl und elf weitere Mitglieder des Kriseninterventionsdienstes werden gerufen, wenn Menschen, die von Unglücks- oder Notfällen betroffen sind, keine medizinische Hilfe benötigen, aber der Situation hilflos gegenüberstehen. Die Mitglieder des Kriseninterventionsdienstes begleiten Eltern, die gerade ihr Kinder verloren haben, betreuen die Hinterbliebenen nach einem Suizid, kümmern sich um die Angehörigen von Vermissten oder unterstützen die Polizei, wenn diese eine Todesnachricht überbringen muss. Die Mitglieder des Kriseninterventionsdienstes leisten "Erste Hilfe für die Seele."

"Wir sind immer da, aber nicht sichtbar" - auch so beschreibt Stephan Bugl die Arbeit des Kriseninterventionsdienstes. Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst eilen mit Blaulicht und Martinshorn zu Unglücks- oder Notfällen, sie helfen für alle sichtbar und bleiben in Erzählungen von Augenzeugen oder Presseberichten über tragische Schicksale nie unerwähnt. Die Mitarbeiter des Kriseninterventionsdienstes kommen dagegen mit ihren Privatautos ohne Sonderrechte zur Einsatzstelle. Ihre Arbeit verrichten die Ehrenamtlichen in zweiter Reihe, oft unbemerkt. Dabei ist die "Erste Hilfe für die Seele" für die äußerlich unverletzten - aber geschockten - Augenzeugen oder Angehörigen genau so wichtig, wie die "Erste Hilfe für den Körper".

Hilfe mitten in der Nacht


Die Ehrenamtlichen des Kriseninterventionsdienstes sind montags bis donnerstags von 19 bis 6 Uhr, von Freitag 19 Uhr bis Montags 6 Uhr und an Feiertagen einsatzbereit. Zu den anderen Zeiten werden die Mitarbeiter der Notfallseelsorge alarmiert. Die diensthabenden Mitglieder des Kriseninterventionsdienstes tragen Funkmeldeempfänger und jeweils zwei von ihnen werden damit von der Integrierten Leitstelle Landshut (ILS) alarmiert. Claudia Hobitz erzählt, dass sie sich in den Wochen, in denen sie "Dienst" hat, die Kleidung für den Notfall bereitlegt. So ist sie schon vorbereitet, wenn der Alarm kommt, und kann sich auf die Betreuungssituation konzentrieren. Obligatorisch für sie ist auch ein Schokoriegel, den sie als "Nervennahrung" bereitlegt.

Medizinischer Hintergrund


Die 13 Mitglieder des Kriseninterventionsdienstes sind ehreamtliche Helfer mit Erfahrungen im Sanitäts- oder Rettungsdienst. Neben der Sanitäts- und Betreuungsdienst- oder Rettungsdienstausbildung haben sie sich in der psychologischen Betreuung weitergebildet. Wer neu einsteigt, muss einen Sanitätskurs absolvieren, der sich über acht Wochenenden erstreckt. Darauf bauen der zweitätige Grundlagenkurs der "Psychosozialen Notfallversorgung" (PSNV) und die KID-Ausbildung, die vier Wochenenden und eine Prüfung umfasst, auf. Danach begleiten die "Neuen" die erfahrenen Mitglieder bei ihren Einsätzen. Die Ausbildung wird mit der Auszeichnung zum "Kriseninterventionshelfer" abgeschlossen.

Im vergangenen Jahr wurde der Kriseninterventionsdienst zu 60 Einsätzen mit beinahe 200 zu betreuenden Personen gerufen, berichten Hobitz und Bugl. Die Mehrzahl der Einsätze war erforderlich, weil Menschen plötzlich zuhause gestorben sind. Die Zahl der Einsätze, bei denen ein "plötzlicher Kindstod" vorausging, seien rückläufig, berichtet Hobitz.

3000 Kilometer gefahren

Die Kriseninterventionshelfer haben dabei rund 3000 Kilometer in Stadt und Landkreis Landshut zurückgelegt. Die Mitglieder des Kriseninterventionsdienstes leisten diese Arbeit ehrenamtlich. Sie bekommen kein Geld. Gegründet wurde der Kriseninterventionsdienst im BRK-Kreisverband Landshut 1997. Damals versuchte man eine 24-Stunden-Bereitschaft aufrechzuerhalten, inzwischen wird der Kriseninterventionsdienst von der Notfallseelsorge (deren Träger ist die Kirche und nicht das Bayerische Rote Kreuz) unterstützt. Die Mitglieder der Notfallseelsorge, die etwa als Pfarrer, Gemeindereferenten oder Religionslehrer in Diensten der Kirche stehen, sind tagsüber im Einsatz.

Egal, wer kommt und hilft

Während die Dienstzeiten zwischen Kriseninterventionsdienst und Notfallseelsorge grundsätzlich aufgeteilt werden, kann es bei größeren Unglücksfällen auch sein, dass beide gerufen werden. Nach der Schießerei im Amtsgericht in Landshut war das der Fall. "Wichtig ist, dass jemand kommt", sagt Hobitz. Ober derjenige nun eine Jacke mit der Aufschrift "Krisenintervention trägt oder ob "Notfallseelsorge" darauf steht, sei für die Betroffenen meist zweitrangig.

Die Zusammenarbeit mit Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei, aber auch mit der Notfallseelsorge, beschreiben Hobitz und Bugl als sehr gut. "Sie holen uns sehr oft zur Unterstützung", sagt Hobitz. Und Bugl erklärt, dass es hilfreich ist, eine Todesnachricht mit mehreren Personen zu überbringen. So kann der eine die schlechte Nachricht aussprechen und der andere kann sich um die Betreuung kümmern. Bugls Erfahrung zeigt, dass es vielen schwerfällt, die Betreuung von demjenigen anzunehmen, der ihnen die Todesnachricht überbracht hat.

Einsätze, die hängenblieben

Auch die Mitglieder des Kriseninterventionsdienstes müssen verarbeiten, was sie erlebt haben. "Es gibt immer wieder Einsätze, wo man länger nachdenkt", sagt Bugl. Hobitz ergänzt: "Einsätze mit Kindern bleiben einem in Erinnerung." Beide Ehrenamtliche - Hobitz ist von Anfang an dabei, Bugl seit fünf Jahren - bestätigen aber, dass sie viel für sich aus den Einsätzen ziehen könne. "Man wird dann wieder zufriedener mit dem eigenen Leben", sagt Bugl. Er genießt es, nach dem Einsatz seine drei Kinder in die Arme schließen zu können - in dem Wissen, dass es auch Menschen gibt, die ihr Kinder oder ihren Angehörigen nicht mehr bei sich haben, weil diese tot sind. Claudia Hobitz sagt, dass sie durch die Arbeit im Kriseninterventionsdienst zufriedener und dankbarer geworden ist. Wenn es ihr nach einem Einsatz schwer fäll abzuschalten, geht sie zum Beispiel spazieren. "Psychohygiene" nennen die Kriseninterventionshelfer das.

Informationen:
Wer sich für die Arbeit des Kriseninterventionsdienstes (KID) interessiert, kann sich unter der Telefonnummer 0871-96221-0 an den Kreisverband Landshut des Bayerischen Roten Kreuzes wenden. Die für die Ehrenamtlichen zuständigen Ansprechpartner stellen den Kontakt her.

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Landshut, Bayern, Deutschland

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