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Artikel vom 03. March 2013 14:23, 76 mal gelesen

Leitartikel

Familienzeit

Autor: Prof. Dr. Martin Balle
Die Beziehung zwischen Familie und Gesellschaft wurde im 20. Jahrhundert von zwei vollkommen verschiedenen Perspektiven her begriffen. Für Karl Marx war der Mensch ausschließlich das Produkt seiner gesellschaftlichen Verhältnisse. Ein individuelles Verständnis des einzelnen Menschen in seiner Persönlichkeit, das auch dessen familiäre Geschichte in den Blick nehmen wollte, kam ihm nicht in den Sinn. Gleichzeitig entwickelte Sigmund Freud als äußersten Gegenpol eine Anthropologie, die ausschließlich die Entwicklung des einzelnen Menschen aus seiner Trieb- und Familiensituation heraus beschrieb. Das Verhältnis dieses Menschen zur Gesellschaft blieb bei Freud dem individuellen Entwicklungsgeschehen nachgeordnet.

Es ist das Verdienst des großartigen Psychologen Dieter Wyss, herausgearbeitet zu haben, dass diese beiden Positionen als radikal gegensätzliche Pole nicht zu halten sind. In Wirklichkeit beeinflussen sich Familie und Gesellschaft in vielfältigen Wechselwirkungen miteinander. Gerade darum gehe es in der modernen Gesellschaft, "die Gegensätze zwischen Familie und Gesellschaft" zu entschärfen. Im Klartext: Eine Gesellschaft, die den Bereich der Familie nicht achtet und ihre Gesetze auch dort rücksichtslos durchsetzt, ist genauso abzulehnen wie eine Gesellschaft, wo die Familien ausschließlich ihr Recht einfordern, aber keine Leistungen an die Gesellschaft abtreten wollen. Um das richtige Verhältnis zwischen Familie und Gesellschaft geht es also. Familien sind Teil der Gesellschaft, auf die sie immer verwiesen sind und von der sie Leistungen einfordern. Auf der anderen Seite aber haben Familien ihr Eigenrecht, sie stehen in einem geschützten Lebensbereich, wo gesellschaftliche Zugriffsrechte Grenzen haben müssen.

Wer die Diskussionen in den letzten Wochen von der Homo-Ehe bis zur aggressiv durchgehaltenen Forderung auf den Rechtsanspruch für einen Kitaplatz für die unter Dreijährigen verfolgt, der kann nicht anders, als zu bemerken, wie sehr im Augenblick das Private zum Gegenstand der gesellschaftlichen Diskussion geworden ist. Es ist auffällig, mit welcher Wucht diese Fragen zurzeit in den Raum der Öffentlichkeit getragen werden. Das Gesellschaftliche dominiert schon dadurch das Private, dass es stundenlang in den Talkshows besprochen wird. Am Ende aber geht es nicht darum, ob Mütter, die ihre Kinder schon früh in Kitas geben, Rabenmütter sind, oder ob homosexuelle Paare mit Kindern sogar besser umgehen können als so mancher tobsüchtige Familienvater, der sich einen Dreck um seine Kinder kümmert; sondern es geht vorher um die Frage, welches Bild wir von einer modernen Gesellschaft haben, wo Familie und Gesellschaft in einem wohlausgewogenen Verhältnis miteinander stehen. Und um es vorwegzusagen: Wir sind dabei nicht unbedingt auf einem intelligenten Weg!

Zur frühkindlichen Lebensphase: Von Psychologen und Therapeuten werden die ersten drei Lebensjahre eines Kindes oft als heilig bezeichnet. Heilig aber heißt in seiner eigentlichen Definition unberührbar. Wir wissen aus der Psychologie, dass das Wesen eines Menschen mit drei Jahren in seinem Grundcharakter nahezu abgeschlossen ist. Was hier versäumt oder falsch gemacht wird, ist im Lauf des Lebens nur schwer wiedergutzumachen. Vom genialen Psychologen Erik Erikson wissen wir, dass sich hier nicht nur das Urvertrauen des jungen Menschen bildet, sondern zudem in der Beziehung vor allem zur Mutter schon das Fundament der persönlichen Autonomie gelegt wird. Das Kind ist besonders auf die Mutter angewiesen und reagiert in höchster Sensibilität auf diese Beziehung, die nach wie vor die entscheidende Beziehung bleibt. Erst danach spielen der Vater und die ersten gesellschaftlichen Integrationsprozesse eine wichtigere Rolle.

Wer ein Kind im zweiten Lebensjahr in eine Kita gibt, der wird seine Gründe haben. Aber er muss wissen, dass er sich selbst eine entscheidende Chance nimmt, die Entwicklung seines Kindes wahrzunehmen. Politik und Wirtschaft haben natürlich gute Gründe, die Frauen schnell wieder in den Arbeitsprozess zu integrieren. Deutschland hat enormen Mangel an Fachkräften, gerade die Frauen sind von hoher Attraktivität für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Aber ist das wirklich das Interesse der Frauen? Muss nicht eher die Politik nach besseren Lösungen suchen, damit die Familien ihre Kraft behalten, sodass am Ende aus ihrer Mitte persönlichkeitsstarke junge Menschen herauskommen, die dann in der Wirtschaft ihre Leistung bringen?

Wer die kaltschnäuzige Familienministerin Kristina Schröder argumentieren hört, der muss spüren, wie wenig Ahnung sie von der Kraft einer intakten Familie hat. Hier ist alles Denken der eigenen Karriereplanung untergeordnet, sodass sich jedes Reden bloß in rhetorischer Oberflächlichkeit ergeht, ohne dass wirklich etwas verstanden ist. Und bei ihrer Kollegin Ursula von der Leyen ist es nicht besser. Sollen das heute die Anwältinnen der Interessen der Frauen sein?

Die hoch angesehene Psychotherapeutin Johanna Danis, selbst Mutter zweier emanzipierter und erfolgreicher Töchter, erzählt in ihren viel besuchten Vorträgen immer wieder von ihrer Beobachtung, wie manche Kinder in der Kita ihre Nasen an die Fenster halten und schlicht warten, dass die Zeit vorbeigeht. Sicher, es gibt auch ganz andere Fälle. Und es gibt für manche Familie auch gar keinen anderen Weg. Aber investiert der Staat wirklich so in die Kitas, dass dort am Ende genug Personal und Aufmerksamkeit für die Kleinen da sind? Der Staat, der sonst auch kein Geld hat? Steht bei der Diskussion um die frühkindliche Erziehung wirklich das Wohl der Kinder und ihrer Familien im Vordergrund?

Zur Ehe gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, ihren Rechten und der Adoptionsmöglichkeit: Es geht nicht darum, die zu diskriminieren, die mit großer Liebe seit vielen Jahren ein Kind in gleichgeschlechtlicher Beziehung aufziehen und für die die neue Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts eine Erleichterung ist, die es nur zu begrüßen gilt. Es gibt denen Schutz, die Schutz brauchen. Aber es geht auch um etwas ganz anderes: Verlieren wir nicht bei dieser Diskussion aus dem Blick, dass das Grenzfälle sind, die Schutz verdienen, aber auch Ausnahmen bleiben. Für ein Kind ist das Aufwachsen in einem Haus, wo der normale Prozess der ödipalen Triangulierung zwischen Vater und Mutter entfällt, eine enorme Schwierigkeit. Die Gender-Diskussion mag nicht zugeben, dass Mann und Frau nicht nur unterschiedliche soziale Rollen haben, die von der Gesellschaft definiert sind und zum Teil falsch definiert; sondern dass es tatsächlich den Unterschied zwischen Vater und Mutter gibt, auf den der kindliche Reifeprozess hin angelegt ist. Dürfen wir dieses Wissen so einfach preisgeben? Müssen wir nicht auch die Familien schützen, damit sie starker Kern einer Gesellschaft bleiben, die nur von Familien getragen sein kann?

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