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Artikel vom 03. März 2013 13:58, 543 mal gelesen

Landshut/Regensburg

„Es läuft gut in Wörth“

Steigende Asylbewerberzahlen sorgen für Diskussionen in Kommunen

Autor: pah
Asylbewerber in Wörth an der Donau beim Deutschkurs. Studenten der verschiedensten Fachrichtungen geben ihnen seit August vergangenen Jahres ehrenamtlich Unterricht. (Foto: Stadler)

Asylbewerber in Wörth an der Donau beim Deutschkurs. Studenten der verschiedensten Fachrichtungen geben ihnen seit August vergangenen Jahres ehrenamtlich Unterricht. (Foto: Stadler)

Derzeit leben rund 3 100 Asylbewerber in Ostbayern. Die Zahlen sind im Steigen begriffen, allerdings von einem vergleichsweise niedrigen Niveau aus: Mitte der Neunzigerjahre gab es rund dreimal so viele Asylbewerber in Niederbayern und der Oberpfalz. Dennoch sorgt die Inbetriebnahme einer neuen Asylunterkunft vor Ort oft für heftige Diskussionen. Das war auch in Wörth an der Donau (Kreis Regensburg) nicht anders. Doch das ist schon ein Jahr her. "Es läuft gut in Wörth", sagt Bürgermeister Anton Rothfischer inzwischen.

Dass es in dem 4 400-Einwohner-Städtchen "gut läuft", ist vor allem großem persönlichen Einsatz von Einzelnen zu verdanken: Junge Leute aus Regensburg, die meisten von ihnen Studenten, geben Deutschunterricht und leiern Spendenaktionen an. Auch der Vermieter der Unterkunft, der Bürgermeister und die Stadtverwaltung kümmern sich um Hilfen. Sie ernten viel Lob dafür, bekommen aber auch vereinzelt "Prügel": Der Bürgermeister zum Beispiel, der öffentlich um eine gastfreundliche Haltung bat, wird deshalb auf einem rechtsgerichteten Forum im Internet diffamiert.

In Wörth an der Donau sind die Asylbewerber - derzeit etwa 70 - in einem Hotelgasthof untergebracht. Ähnliches könnte im wenige Kilometer entfernten Falkenstein (Kreis Cham) erfolgen, wo der Eigentümer einen Brauereigasthof mitten im Zentrum als Asylunterkunft angeboten hat. Auch dort ist das Thema seit Bekanntwerden Tagesgespräch.

Vielfach werden Gastronomiebetriebe zur Asylunterkunft umfunktioniert. In dem früheren Hotel in Straubing leben schon Asylbewerber, das Gasthaus in Falkenstein steht als Unterkunft zur Diskussion.

Vielfach werden Gastronomiebetriebe zur Asylunterkunft umfunktioniert. In dem früheren Hotel in Straubing leben schon Asylbewerber, das Gasthaus in Falkenstein steht als Unterkunft zur Diskussion.

Asylbewerber werden anteilig auf Bezirke verteilt

An der Regierung sind die Argumente bekannt - egal ob aus Falkenstein oder anderswoher. "Gründe gegen eine Unterbringung finden sich immer", sagt Joseph Karl, Pressesprecher der Regierung der Oberpfalz. Die Gründe dafür stehen im Grundgesetz: "Politisch Verfolgte genießen Asylrecht", heißt es in Artikel 16. Jedes Bundesland muss einen bestimmten Anteil an Asylbewerbern aufnehmen, bayernweit werden sie anteilig auf die Regierungsbezirke verteilt. Dabei entfällt mit 8,8 Prozent der kleinste Anteil auf die Oberpfalz; in Niederbayern liegt der Anteil bei 9,6 Prozent. Die Bezirke suchen seit vergangenem Jahr händeringend nach Unterkünften. Das Problem: Die Gemeinschaftsunterkünfte reichten nicht aus, weil die Zahl von Asylbewerbern weit über der Zugangsprognose des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Nürnberg lag, wie Sarah Pancur, Pressesprecherin der Regierung von Niederbayern, mitteilt.

Dabei gab es schon einmal mehr Gemeinschaftsunterkünfte - weil es Mitte der Neunzigerjahre auch viel mehr Asylbewerber gab. In der Oberpfalz leben derzeit rund 1 300 Asylbewerber, in Niederbayern 1 800. Zum Vergleich: Der Höchststand in der Oberpfalz wurde 1995 mit knapp 3 800 Asylbewerbern erreicht, in Niederbayern im Jahr 1992 mit rund 6 000 Asylbewerbern. 1992 gab es auch bundesweit mit über 400 000 den höchsten Stand an Asylbewerbern. 2012 lag diese Zahl bei rund 65 000. Zugleich sorgte die Welle der sogenannten Spätaussiedler für weiteren Wohnungsbedarf.

Weit entfernt von den damaligen Zahlen


Von den Zahlen damals ist die Situation heute weit entfernt. Allerdings haben die steigenden Asylbewerberzahlen neuen Unterkunftsbedarf zur Folge, und das möglichst schnell. Vielfach werden Hotels und Gasthöfe angeboten, denn Pächter für die Weiterführung eines gastronomischen Betriebs sind vor allem auf dem Land rar. Aber auch ein ehemaliges Finanzamt in Mallersdorf-Pfaffenberg (Kreis Straubing-Bogen) steht als Asylunterkunft zur Debatte. In Straubing dient ein ehemaliges Hotel als Asylbewerberheim, in Geisenhausen (Kreis Landshut) soll ein früheres Seniorenheim demselben Zweck dienen. In allen Orten wurde oder wird darüber diskutiert, wie das Zusammenleben mit den Menschen, die aus fremden Kulturen kommen und oft kein Wort Deutsch sprechen, aussehen soll.

Vielfach werden Gastronomiebetriebe zur Asylunterkunft umfunktioniert. In dem früheren Hotel in Straubing leben schon Asylbewerber, das Gasthaus in Falkenstein steht als Unterkunft zur Diskussion.

Vielfach werden Gastronomiebetriebe zur Asylunterkunft umfunktioniert. In dem früheren Hotel in Straubing leben schon Asylbewerber, das Gasthaus in Falkenstein steht als Unterkunft zur Diskussion.

"Die Menschen fühlen sich oft völlig verloren bei uns"

Anne, eine der jungen Frauen, die sich maßgeblich in Wörth an der Donau engagiert, hat für die Sorgen in der Bevölkerung Verständnis: "Es gibt zu wenig Unterstützung von den Behörden", ist ihre Erfahrung. Die gesetzlichen Vorgaben reichen bis zur Unterbringung, aber nicht weiter. Sprachkurse oder eine Form von Beschäftigung - Asylbewerber dürfen nicht arbeiten - sind nicht vorgesehen, auch nicht für Kinder.

In Mallersdorf-Pfaffenberg im Landkreis Straubing-Bogen hat der Markt daher selbst darauf gedrängt, dass eine geplante Asylunterkunft einen kleinen Kinderspielplatz bekommen soll. Das Vorhaben ist aber noch in der Schwebe, weil der Marktgemeinderat die geplante Unterbringungszahl von 75 Menschen für zu hoch erachtet. Bürger haben dort eine Petition im Landtag eingereicht, weil sie die Asylunterkunft verhindern wollen.

Auch Bürgermeister Rothfischer in Wörth war zunächst nicht begeistert, als bekannt wurde, dass der neue Besitzer eines Hotelgasthofs Asylbewerber aufnehmen will. Inzwischen spricht er mit Hochachtung von ihm. "Der will nicht bloß Geld verdienen, der kümmert sich auch um die Leute, die bei ihm wohnen." Das sei ein "feiner Zug".

Das Engagement des Vermieters und die Initiative der jungen Leute aus Regensburg waren offenbar ansteckend: Inzwischen gibt es in Wörth eine monatliche "Expertenrunde" im Rathaus, zu der Vertreter der Stadt, der Kirchen, der Vermieter der Asylunterkunft und inzwischen auch des TSV Wörth kommen. "Wir wollten auch die Vereine mit ins Boot holen", sagt Rothfischer - zum einen, um den Kontakt zwischen Bevölkerung und Asylbewerbern herzustellen und etwaige Vorurteile abzubauen, zum anderen, um den Asylbewerbern zumindest ein minimales Beschäftigungsfeld zu bieten. "Die haben drei Fixpunkte im Leben: Frühstück, Mittagessen, Abendessen. Einfach ist so ein Leben nicht, die sind ja nicht im Urlaub da", beschreibt der Bürgermeister die Problematik.

Zahl der betroffenen Gemeinden wird steigen

Was in Wörth inzwischen "gut läuft" - das Zusammenleben mit Asylbewerbern - bereitet in anderen Kommunen noch großes Kopfzerbrechen. Dabei wird die Zahl der betroffenen Gemeinden weiter steigen. Allein in der Oberpfalz wird mit einem Neuzugang an Asylsuchenden von 300 bis 500 Menschen gerechnet. Wie lange sie in einer Asylunterkunft bleiben, ist verschieden. 2009 dauerten die Asylverfahren nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge durchschnittlich 15 Monate. 43 Prozent der Verfahren wurden innerhalb von sechs Monaten abgeschlossen. Einige dauern allerdings auch mehrere Jahre.

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