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Artikel vom 17. Januar 2013 10:32, 107 mal gelesen

Interview mit Michael Santo

„Wettbewerb schadet nicht“

Michael Santo zu den Problemen von Boeings „Dreamliner“

Autor: Dr. Gerald Schneider
Für Michael Santo besteht weiterhin eine hohe Sicherheit im Luftverkehr.

Für Michael Santo besteht weiterhin eine hohe Sicherheit im Luftverkehr.

Der Boeing Dreamliner hat große Probleme: Japanische Fluggesellschaften ziehen ihre 787-Flugzeuge aus dem Verkehr. Michael Santo erklärt gegenüber unserer Zeitung, dass die gegenwärtige Zwischenfallserie im elektronischen System begründet liegt. Er findet nicht, dass die Konkurrenzsituation zwischen Boeing und Airbus der Sicherheit schadet. Santo ist Vorstand bei der h&z Unternehmensberatung AG und verantwortet vor allem die Branche Aerospace & Defense sowie die weitere Internationalisierung des Beratungsangebots. Der 42-jährige Wirtschaftsingenieur ist bereits seit 2003 für h&z in verschiedenen Positionen tätig.

Stellen diese Probleme des Boeing Dreamliners die Einführung neuer Werkstoffe im Flugzeugbau infrage?

Santo:
Die 787 (Dreamliner) wird natürlich stark mit CFK (kohlefaserverstärkten Kunststoffen) in Verbindung gebracht. Die derzeitige Zwischenfallserie sowohl in Japan als auch in den USA hat ihre Ursache aber vielmehr im elektrischen System bzw. im Treibstoffsystem des Luftfahrzeuges und ist losgelöst von den verbauten Werkstoffen für die Flugzeugzelle zu betrachten. Bei den im elektrischen System auftretenden Problemen handelte es sich zum Beispiel um Batterieüberhitzungen und Generatorenprobleme. Die 787 ist als sogenanntes "all electronic Aircraft" konzipiert, das heißt, dass der Grad der Vernetzung der Systeme und die Bedeutung von Software eine wesentlich größere Rolle spielen als bei anderen Flugzeugen. Das elektronische System hat insbesondere in der Endphase der Entwicklung wie auch in vorangegangenen Tests Schwachstellen aufgezeigt, die nun natürlich bei praktischer Erprobung und Nutzung verstärkt zutage treten. Die Nutzung neuer Werkstoffe wird in diesem Zusammenhang aber nicht infrage gestellt.

Woran liegt es, dass neue Flugzeugmodelle bei ihrer Einführung immer wieder für erhebliche Probleme sorgen? Auch der Start des Airbus A-380 verlief ja nicht reibungslos.


Santo:
Bei der Einführung neuer Flugzeugmodelle kommt heute in der Regel eine Vielzahl von neuen Konzepten und Systemen gleichzeitig zum erstmaligen Einsatz, zum Beispiel neu entwickelte Triebwerke, neue Werkstoffkonzepte für Rumpf und Tragflächen, vernetzte und softwaregesteuerte Elektroniksysteme, neue Innenraumkonzepte. Die Komplexität der einzelnen Systeme, aber auch die sich ergebende Komplexität aus dem Zusammenspiel dieser Systeme ist erheblich und wird teilweise unterschätzt. Zusätzlich wird die Rolle der Zulieferer in vielen dieser Programme deutlich größer, da die Flugzeughersteller gar nicht über das Know-how und die Kapazitäten verfügen, alle Sub-Systeme im Detail zu verstehen. Die An- und Einbindung der Schlüssellieferanten wird mehr und mehr zu einem treibenden Erfolgsfaktor laufender und zukünftiger Flugzeugprogramme.

Was erwarten Sie angesichts der Schwierigkeiten von den Flugzeugbauern? Wie sehr schadet der knallharte Wettbewerb der Sicherheit?



Santo:
Zunächst einmal ist natürlich eine genaue und tiefgreifende Analyse der Vorfälle durch Boeing erforderlich. Insbesondere gilt es zu klären, ob die Ursache für die Zwischenfälle in grundsätzlichen Systemschwächen liegt oder ob es sich um Einzelfälle handelt. Dadurch, dass inzwischen die amerikanische Untersuchungsbehörde (NTSB, National Transportation Safety Board) wie auch die japanischen Behörden die Zwischenfälle untersuchen, liegt ein erheblicher Druck auf Boeing, hier plausible Antworten und auch nachvollziehbare Lösungen zu präsentieren. Der Wettbewerb zwischen Boeing und Airbus - insbesondere in dem Segment der mittelgroßen Langstreckenflieger - schadet aus meiner Sicht nicht der Sicherheit, sondern führt tatsächlich dazu, dass deutlich effizientere und endkundenfreundlichere Flugzeuge entwickelt werden.

Die Zwischenfälle haben nach meiner Einschätzung eher gezeigt, dass die notwendigen Schritte zur Aufrechterhaltung einer hohen Sicherheit im Luftverkehr zügig eingeleitet wurden.

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