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Artikel vom 03. Januar 2013 15:16, 595 mal gelesen

Interview mit Alois Glück

„Kirche ist nicht Selbstzweck“

Der Präsident des Zentralkomitees der Katholiken in Deutschland (ZdK) Alois Glück warnt die katholische Kirche vor einem „gefährlichen Selbstschutzreflex“

Autor: Ralf Müller
Der Präsident des Zentralkomitees der Katholiken in Deutschland (ZdK), Alois Glück. (Foto: Marius Becker, dpa)

Der Präsident des Zentralkomitees der Katholiken in Deutschland (ZdK), Alois Glück. (Foto: Marius Becker, dpa)

Herr Glück, die Menschen in Deutschland, so sagt man, seien schon lange verunsichert. Es gäbe eine Vertrauenskrise nicht nur in die Politik, sondern in alle Institutionen. Sie suchten nach Sinn und Werten. Das könnte die Stunde der Kirchen sein. Aber warum laufen ihnen weiter die Mitglieder davon?

Glück: Wir leben in mehrfacher Hinsicht in epochalen Veränderungen. Das gilt auch für den Bereich der Kirchen. Immer mehr Menschen spüren, dass ein "Weiter so" nicht mehr funktionieren wird, aber wie es funktionieren soll, weiß man auch nicht. In dieser Situation ist die Verdrängung von Entwicklungen sehr ausgeprägt. Die Kirchen müssen sich die Frage stellen, wie es möglich ist, dass auf der einen Seite soviel Menschen wie noch nie auf der Suche nach Sinn unterwegs sind, dass Religion wieder einen höheren Stellenwert hat, aber diese Suche nicht automatisch mit den christlichen Kirchen verbunden wird.

Ist die katholische Kirche immer noch zu sehr mit Themen beschäftigt, die nach dem Gefühl der Menschen Jahrhunderte vor unserer Zeit spielen?

Glück: Die grundsätzlichen Fragen - seien es die religiösen oder die nach der Qualität des Zusammenlebens - bleiben für die Menschen immer gleich. Aber die katholische Kirche ist in einem epochalen Veränderungsprozess - vergleichbar mit der Zeit der Säkularisation, als die alte Reichskirche mit ihren Herrschaftsstrukturen zusammengebrochen ist. Kirche wird heute nicht mehr vom Milieu getragen wie es noch in meiner Jugendzeit war, sondern Glaube verlangt heute früher oder später eine bewusste Entscheidung. Es ist noch viel zu wenig gelungen, den Menschen in seiner veränderten Lebenssituation richtig zu erfassen, dem Menschen von heute die Botschaft des Evangeliums verständlich zu machen. Die traditionelle religiösen Formen sind heute für immer mehr Menschen nicht mehr zugänglich. In den Kirchen herrscht zwar viel Verunsicherung, aber auch zu wenig Bereitschaft, sich mit den nötigen Veränderungen auseinanderzusetzen.

Kann heute eine Institution für die Menschen attraktiv sein, die es in ihrer zweitausendjährigen Geschichte noch nicht einmal geschafft hat, die Frauen gleich zu behandeln?

Glück: Auf der einen Seite meint die überwältigende Mehrheit der Christen, was die Kirche sagt, ist für meine persönliche Lebensgestaltung letztlich nicht ausschlaggebend. Gleichzeitig hat die Gesellschaft immer höhere Erwartungen an die Bedeutung der Kirchen. Im Krisenjahr 2010 im Zusammenhang mit dem Thema sexueller Missbrauch habe ich erlebt, dass viele Menschen besorgt formuliert haben, es wäre doch wichtig, dass die Kirchen intakt bleiben. Irgendeine vordergründige Modernisierung hilft da nicht weiter, aber es gibt im kirchlichen Bereich auch einen gefährlichen Selbstschutzreflex. Man setzt sich nicht selbstkritisch genug mit der eigenen Sprache, dem eigenen Erscheinungsbild und auch unwahrhaftigen Entwicklungen auseinander, sondern schiebt die Probleme auf den Menschen von heute, der zu oberflächlich wäre und nicht mehr glauben wolle. Das sind schwierige Lernprozesse. Niemand hat eine Patentantwort. Entscheidend ist, ob der Weg zu den Menschen von heute gesucht wird. Kirche ist nicht Selbstzweck, auch nicht ihre Ämter und Strukturen. Notwendig ist mehr kritische Selbstreflexion.

Könnte die Kirche etwas stärker "punkten", wenn sie das Thema Gerechtigkeit mehr besetzt?

Glück: Die Sinnfragen für das Leben und die Frage der Beziehungen zu Gott greifen über das Thema Gerechtigkeit natürlich hinaus, aber gleichzeitig sind Fragen des Friedens und der Gerechtigkeit ein unverzichtbarer Teil christlichen Glaubensverständnisses. In diesem Bereich haben aber die christlichen Kirchen auch heute schon eine durchaus wirksame Rolle, übrigens auch beim Thema des Lebensschutzes. Das sind zentrale Themen, wo die Gesellschaft dringend das Wächteramt der Kirchen benötigt.

Früher scheint ja immer alles besser gewesen zu sein. Bekommen wir jetzt präsentiert, was Sie schon vor vielen Jahren immer wieder als "Vollkostenrechnung für unsere Art zu leben" angekündigt haben?


Glück: Dass früher alles besser war, ist ein Märchen. Jetzt spüren immer mehr Menschen, dass unsere heutige Art zu leben, nicht zukunftsfähig ist. Wir stehen vor der epochalen Aufgabe, eine zukunftsfähige Kultur zu entwickeln - eine Art zu leben und zu wirtschaften, die langfristig tragfähig ist, nicht mehr auf Kosten der Nachkommen geht, welche die Natur nicht dauernd überfordert. Ein Beispiel dafür ist die europäische Schuldenkrise. Ihr Kern ist, dass die einen mehr, die anderen weniger, aber letztlich alle miteinander seit Jahren nicht mehr erwirtschaften, was unsere Art zu leben kostet. Deutschland ist zwar ökonomisch gegenwärtig eine Insel der Seligen, aber auch für unser Land gilt, dass wir trotz guter Steuereinnahmen nicht das Geld erwirtschaften, um die öffentliche Infrastruktur in der derzeitigen Qualität aufrecht zu erhalten.

Müssen wir uns Sorgen machen, dass Europa im Zuge der Euro-Krise wieder in eine Phase des Nationalismus zurückfällt, wenn man sich etwa die Karikaturen der Kanzler in als Nazi vor Augen führt?

Glück: Nicht nur an diesem Beispiel zeigt sich, dass die alten Vorurteile der europäischen Völker quer durch den Kontinent wieder lebendig werden. Es wird deutlich, dass Frieden und Zusammenarbeit in Europa nicht selbstverständlich und keine Selbstläufer sind, sondern es nur gut funktioniert hat, so lange es ein "immer Mehr" etwa an materiellen Gütern und Lebensqualität gegeben hat. Jetzt, da Krisen aufbrechen, werden ganz schnell die alten Geister wieder wach. Ich finde, wir sind dafür viel zu wenig sensibel. Bei allen notwendigen kritischen Debatten über Schulden und Zukunft des Euro müssen wir viel mehr eine offensive Europadiskussion führen. Wenn Europa über ökonomische Vorgänge auseinander bricht oder gelähmt wird, brechen enorme Konflikte zwischen den europäischen Völkern auf und dann hat Europa auch nichts mehr zu melden in den Fragen, die weltweit für uns von Bedeutung sind.

Herr Glück, Sie verfolgen sicherlich die Entwicklung der CSU. Sind sie zufrieden?

Glück:
In der Demokratie ist letztlich immer die Einschätzung der Bevölkerung ausschlaggebend. Wenn man die Umfrageergebnisse zum Maßstab nimmt, ist die CSU in einer phänomenal positiven Situation, auch im deutschen und europäischen Vergleich. Sie hat geradezu eine Art Alleinstellungsmerkmal. Die große Frage ist, ob die CSU auf Dauer die gestaltende Kraft aufbringt, die notwendigen Veränderungen herbeizuführen. Aber insgesamt ist die Entwicklung der CSU - auch nach den Erschütterungen, die wir hinter uns haben - erstaunlich positiv.

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