Artikel vom 25. September 2012 09:29, 146 mal gelesen
Vilsbiburg
Mit viel Glück aus den Fängen der SS befreit
Ausstellung über prominente KZ-Häftlinge eröffnet – Einblicke in das „System“ der SS
Berthold Goerdeler, Hans-Günther Richardi und Dr. Bastian Hein (von links) zeichneten am Samstag die Geschichte der SS, des Widerstandes gegen die Nationalsozialisten und einer Gruppe prominenter KZ-Häftlinge nach. (Foto: be)
Von Michael Betz.
Den Pragser Wildsee im Südtiroler Pustertal kennt man heute als idyllisches Urlaubsziel. Doch die Abgeschiedenheit des Bergsees wollte am Ende des Zweiten Weltkrieges auch die SS für ihre verbrecherischen Ziele nutzen: Ein Transport von KZ-Sonderhäftlingen hatte das dortige Hotel als Ziel; die SS wollte hochrangige Persönlichkeiten aus ganz Europa als Geiseln für Verhandlungen mit den Allierten nutzen. Der Journalist Hans-Günther Richardi arbeitete das Schicksal dieser Häftlinge und ihre glückliche Rettung durch Soldaten der Wehrmacht in der Ausstellung "Rückkehr ins Leben" auf, die am Samstag in der Begegnungsstätte in der Floßgasse eröffnet wurde.
Die Haft in einem Konzentrationslager musste im Dritten Reich nicht zwangsläufig den schnellen Tod bedeuten; das Regime unterschied ganz bewusst zwischen Häftlingen, die dessen Rassenwahn zum Opfer fallen sollten, und Menschen, die man noch "aufheben" wollte für die eigenen Zwecke. In diese zweite Kategorie fielen die 139 Sippen- und Sonderhäftlinge, deren Leidensweg und Rettung im April 1945 in der Ausstellung nachgezeichnet wird. An ihrem Beispiel wurde am Samstag aufgezeigt, wie sehr die SS zum Ende des Krieges hin ihre ganz eigenen und kriminellen Ziele verfolgte. "Diese Leute haben spätestens nach der Invasion der Alliierten in der Normandie erkannt, dass der Krieg verloren ist. Die SS stand da nicht mehr hinter Hitler und war ab 1945 zum Äußersten entschlossen", erklärte Hans-Günther Richardi die Grundlage für die Geschehnisse im April 1945.
Der Journalist und langjährige Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung arbeitet seit rund 20 Jahren die Geschichte des Sonderhäftlings-Transportes an den Pragser Wildsee auf, außerdem verfasste er bereits mehrere Bücher über die Zeit des Nationalsozialismus und das KZ Dachau. Dieses Lager spielte auch bei der Odyssee der Sonderhäftlinge kurz vor Kriegsende eine wichtige Rolle, wurden doch dort die Internierten aus verschiedenen anderen Lagern zunächst gesammelt.
"Handverlesene Elite"
Unter den Gefangenen waren einerseits Angehörige der Widerstandskämpfer des "20. Juli", beispielsweise die Familie von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Prinzessin Irmingard von Bayern, daneben deutsche und ausländische Militärs, Politiker wie der ehemalige österreichische Kanzler Kurt von Schuschnigg und eine Reihe von Geistlichen, darunter Pfarrer Martin Niemöller und der Theologe Dietrich Bonhoeffer - ihm wurde der Transport allerdings zum Verhängnis: Am 9. April richtete man ihn im KZ FLossenbürg hin. Von einer "handverlesenen Elite" sprach Hans-Günther Richardi angesichts des Gefangenen-Transports.
Zweck des Transportes war laut Hans-Günther Richardi nichts als der Egoismus der SS-Leute: "Man wollte mit den Geiseln als Faustpfand in den Alpen abwarten, bis die Allianz der Alliierten zerbricht, der Kalte Krieg kündigte sich damals ja schon an." Die SS habe darauf gehofft, mit den Westmächten danach gegen den Bolschewismus kämpfen zu können. In den Bergen verschanzte deutsche Truppen seien auch eine große Furcht der Alliierten gewesen. "Wer die Geschichte der Kämpfe im Ersten Weltkrieg in den Dolomiten kennt, weiß, was für harte Gefechte es gegeben hätte, eine Alpenfestung zu bezwingen", lautete die Einschätzung von Richardi.
Wie sehr der Häftlings-Treck den persönlichen Motiven der SS-Führung diente, illustrierte Richardi am Beispiel einer früheren Idee von SS-Chef Heinrich Himmler: Er kam auf den Gedanken, jüdische KZ-Insassen mit Verwandten in Amerika gewissermaßen an diese zu verkaufen. "Die angebliche Elite des Dritten Reiches von der SS schreckte vor miesesten Mitteln nicht zurück", fasste Richardi vor dem Hintergrund des zuvor gehörten Vortrages von Dr. Bastian Hein zusammen.
Der Flüchtlingstransport strandete schließlich am 28. April 1945 in Niederdorf im Pustertal. Dort nahm nach einigen bangen Stunden der Ungewissheit ein Trupp der Wehrmacht sich der Gefangenen an - die Soldaten steckten ihrerseits die SS-Leute in Arrest. "Das war ein richtiger Showdown. Beide Seiten standen sich bewaffnet gegenüber. Eine unüberlegte Handlung hätte ein Blutbad auslösen können", betonte Hans-Günther Richardi,
Großvater im Widerstand
Seine Forschungsergebnisse sind auf 23 Schautafeln nachzulesen, die entsprechende Ausstellung wurde am Samstagnachmittag eröffnet. Die einleitenden Worte und die Schlussgedanken sprach dabei Berthold Goerdeler im Namen der Stiftung "Logos und Ethos", in deren Begegnungsstätte an der Floßgasse die Ausstellung aufgebaut ist. Goerdelers Verbindung zu Vilsbiburg geht über seine Frau Dr. Maria Goerdeler, eine gebürtige Vilsbiburgerin. Sein Bezug zur Thematik der KZ-Sonderhäftlinge geht auf seinen Großvater zurück: Carl Goerdeler, ehemaliger Oberbürgermeister von Leipzig, wurde im Rahmen des 20. Juli hingerichtet, seine Familie war beim Häftlingstransport an den Pragser Wildsee mit von der Partie.
Für das Leben seiner Großmutter habe diese Odyssee eine große Bedeutung gehabt, betonte Goerdeler. "Es war eine unwirkliche Situation, der die Häftlinge ausgesetzt waren, sie mussten immer wieder um ihr Leben fürchten", erzählte Goerdeler aus den Erinnerungen seiner Familie. Mit Blick auf das zuvor beleuchte "Innenleben" der SS, die vor allem als verschworene Gemeinschaft bis hin zur kriminellen und korrupten Gruppe charakterisiert worden war, betonte Goerdeler, dass es im Dritten Reich viele Menschen gegeben habe, die energisch gegen das Regime vorgegangen seien. "Mit einem Weg außerhalb erzwungener Kameradschaft", wie er angesichts der Widerstandsbemühungen seines Großvaters ab der Nazi-Machtübernahme 1933 betonte.
Trotz der speziellen und keineswegs leichten Materie stieß die Veranstaltung am Samstag auf großes Interesse der Bürger; die Sitzplätze reichten zunächst kaum aus für die vielen Gäste. Unter ihnen war auch eine Delegation aus Niederdorf in Südtirol und mehrere Angehörige von Beteiligten an den Geschehnissen im April 1945. Angesichts der Dauer der Referate von über zwei Stunden war allerdings die geschichtliche Aufnahmefähigkeit eines Teils der Gäste offenbar erschöpft, so dass die gemeinsame Besichtigung der Ausstellung und die Diskussion am Ende nur noch in kleinerem Rahmen stattfanden.
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