"Ich will ein freier Landwirt sein!"


 

Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion.

Cham. (jk) Alle sind sie gekommen - vom langhaarigen Öko- und Bio-Bauern bis zum adrett graumelierten Chef des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Sie alle hatten sich am Donnerstag zur Podiumsdiskussion im Randsbergerhof eingefunden, um über die Neuausrichtung der EU-Agrarpolitik zu debattieren. Nur einer fehlte: der Bayerische Bauernverband.

Der hatte seine Teilnahme an der Podiumsdiskussion mit den Worten entschuldigt, der Bund Naturschutz als Veranstalter würde "die konventionelle Landwirtschaft von vornherein verurteilen", zitierte BN-Vorsitzender Robert Kurzmann aus der Absage. Und so fand sich kein Vertreter dieses größten Standesverbandes am Rednertisch. Trotzdem hatten sich konventionelle Landwirte unters Publikum gemischt und sorgten für einen angeregten Meinungsaustausch.

Hintergrund war die Novellierung der Agrarsubventionen, die der aus Rumänien stammende EU-Kommissar für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung, Dacian Ciolos, angestoßen hat. Sein Konzept sieht vor, die Auszahlung der Gelder an ein nachhaltiges Wirtschaften zu koppeln. Das beinhaltet das sogenannte Greening: Sieben Prozent der beihilfefähigen Hektarfläche je Betrieb ohne Dauergrünland sollen im Umweltinteresse genutzt werden - etwa als Brachen, Terrassen, für Landschaftselemente, Pufferstreifen und Aufforstungen. Nur dann fließen 30 Prozent Transfergelder an den Landwirt.

Eine Forderung, die Agrarlobbyisten äußerst skeptisch beäugen und als "Stilllegung der Flächen" brandmarken. Hinsichtlich des Hungers in der Welt eine nicht zu verantwortende Nichtnutzung zum Wohle der Biodiversität. Umweltaktivisten und ökologische Landwirte halten dagegen. Marion Ruppaner, Agrarreferentin des BN, begrüßte das Greening. "Wir im Bayerischen Wald haben damit ja ohnehin kein Problem, weil wir Landschaftselemente wie Hecken mit in die Rechnung einbeziehen dürfen", sagte sie. Einziger Fluch bei dem Segen sei die Bürokratie, schließlich müsse der Landwirt wieder nachweisen, was er wann und wie mit seinen Feldern macht. "Aber ein vertretbarer Aufwand, immerhin muss sich die Landwirtschaft von der Gesellschaft schon fragen lassen, wofür sie eigentlich die 55 Milliarden Euro, die zur Disposition stehen, erhält."

Das Argument mit dem Hunger in der Welt, den es zu stillen gilt, ließ Gisela Voltz von der Mission Eine Welt nicht gelten: "Erzählen Sie das dem Hühnerzüchter in Ghana oder sonst wo in Westafrika, den wir mit unseren tiefgefrorenen Billigmasthühnern bereits in den Ruin getrieben haben", führte sie ins Feld. Die bisherige Ausrichtung der EU-Agrarpolitik vom "Wachsen oder Weichen" in der Landwirtschaft habe nur zu mehr Problemen geführt.

Durch die Bank beklagten die einzelnen Vertreter im Podium ein Höfesterben der kleinen Betriebe, ein rücksichtsloses Ausbeuten der landwirtschaftlichen Ressourcen, einen Werteverlust im Bezug auf Lebensmittel und das Ausgeliefertsein gegenüber den großen Konzernen und dem Agrarbusiness, das sich "große Büros in Brüssel leisten kann", wie Edith Lirsch von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) beklagte. 

In dieselbe Kerbe schlug Wolfgang König von der Arbeitsgemeinschaft noch produzierende Landwirte in Ostbayern (AnpLO): "Wir sind die einzigen, die den Preis ihrer Produkte nicht selbst bestimmen, sondern uns in die Abhängigkeit von volatilen (stark schwankenden) Märkten, EU-Subventionen und Großkonzernen geben - zum Schaden der Natur, unserer Tiere und uns selbst. Ich will ein freier Landwirt sein!", redete er sich in Rage. Damit sprach er auch konventionellen Erzeugern aus der Seele.

Ortsinformation:  Deutschland > Cham


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Kategorie: Chamer Zeitung
Erstellt: 10.02.2012

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