Verzweifelter Kampf gegen die Wassermassen


Monsunregen brachte Not: Acht MiIlionen Menschen in Pakistan von Flut betroffen - Misereor hilft


Von Ralph Allgaier


Nach dem Regen kamen die Farben. An vielen Straßen im Süden Pakistans reihen sie sich aneinander. Rosafarbenes Plastik flattert neben grünen, blauen, grauen Planen im Wind. Die behelfsmäßigen Unterstände stehen auf Pfosten. Die Decken aus Plastikplanen bieten ihren Bewohnern einen etwa zwei mal zwei Meter kleinen Platz für sich und ihren Haushalt. Zwischen den armseligen Hütten weiden Ziegen. Den Menschen fehlt Trinkwasser und Nahrung. Was sie aus den Dörfern retten konnten, reichte nur für wenige Tage. Direkt hinter den langen Reihen der Notunterkünfte beginnt das Wasser.


Ein heftiger Monsunregen brachte ein Jahr nach der Jahrhundertflut erneut Überschwemmungen über das Land. In der südpakistanischen Provinz Sindh fiel ein Vielfaches des jährlichen Niederschlags. Über acht Millionen Menschen sind von der Flut betroffen. 1,8 Millionen Pakistaner haben auf der Flucht vor den Wassermassen ihre Dörfer verlassen. 90 Prozent von ihnen leben unter freiem Himmel. Nur etwa 415000 haben laut offiziellen Schätzungen einen Platz in einer der 2600 Zeltstätte, Schulen oder anderen öffentlichen Gebäuden gefunden. Die meisten von ihnen haben ihr Haus, ihr Vieh und ihre Ernte verloren. Sie stehen vor dem Nichts. "Anders als im vergangenen Jahr haben nicht die Wassermassen des Indus und die maroden Dämme die Überschwemmungen verursacht", sagt Frank Falkenburg, Berater von Misereor in Pakistan. "Es sind vielmehr die ungewohnt heftigen Regenfälle während des Monsuns in der eigentlich eher regenarmen Region. Die Wassermengen können nicht abfließen."


In Pakistans Süden ist die Not mit Händen zu greifen. An vielen Stellen kämpfen die Menschen verzweifelt gegen die Wassermassen an. Esel waten bis zur Brust in den Fluten. Auf den Karren, die sie mühsam hinter sich herziehen, versuchen die Betroffenen, ihr Hab und Gut vor den Fluten zu retten.

Nach Angaben der Pakistanischen Katastrophenschutzbehörde NDMA standen Mitte September 2011 etwa 24000 Quadratkilometer Land unter Wasser - während die Folgen des verheerenden Hochwassers vom vergangenen Jahr noch längst nicht bewältigt sind. "In Sindh ist ein Großteil der Ernte dieses Sommers vernichtet, zum zweiten Mal hintereinander", sagt Falkenburg. Große Teile der Bevölkerung lebten schon vor den Überschwemmungen in bedrückender Armut. Drei von vier Familien beziehen ihren Lebensunterhalt vor allem durch den Anbau von Baumwolle und Zuckerrohr. Für die Aussaat ihrer landwirtschaftlichen Produkte nehmen viele Kredite auf. "Durch den Verlust der Ernte sind sie nicht nur ohne Einkommen, sondern auch bei den Großgrundbesitzern verschuldet", erklärt Falkenburg.


Die mittelalterlich anmutenden Feudalstrukturen gelten als eine der entscheidenden Ursachen für die große Armut vieler Kleinbauern in Pakistan. Viele von ihnen müssen einen Großteil ihrer Ernte an die Landeigentümer abgeben. Zwar wäre eine Landreform längst überfällig, doch ein grundlegender Wandel ist nicht in Sicht. Zu sehr sind die Interessen der Großgrundbesitzer mit denen der Politiker verbunden.


Seitens der Regierung ist keine Reform zu erwarten. So müssen weithin ein Drittel der Pakistaner mit umgerechnet weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen. Auch das Problem mangelnder Bildung gilt weiter als gravierend: Über 50 Prozent der Bevölkerung können nicht oder kaum lesen und schreiben. Hinzu kommt die unzureichende Sicherheit im Land. Die Milliardensummen, die Islamabad in den Militärapparat und das Atomprogramm investiert, fehlen der Bevölkerung. Für die elementaren Bedürfnisse des 177-Millionen-Volkes kommt die Regierung nur unzureichend auf.


Auch die Hilfe für die Flutopfer läuft nur schleppend an. Die Menschen in den Notunterkünften entlang der Straßen in Südpakistan haben noch keine Hilfe von ihrer Regierung erhalten. Die Vereinten Nationen haben 357 Millionen US-Dollar für die akute Nothilfephase beantragt. Doch bis die Geberländer diese bewilligen, vergeht viel Zeit. Umso wichtiger ist die Arbeit der pakistanischen Misereor-Partner. Sie arbeiten vor Ort und konnten ihre Hilfe kurzfristig organisieren.


Mit über 240000 Euro Soforthilfe versucht Misereor, möglichst schnell die schlimmste Not zu lindern. Wie im Vorjahr unterstützt das Hilfswerk die Organisation "Civil Society Human and Institutional Development Programme" (CHIP) bei der Koordination von fünf Hilfsprojekten. Die pakistanischen Partner verteilen Nahrungsmittel, Trinkwasser, Hygieneartikel und Haushaltsgegenstände an die Opfer der Flutkatastrophe. Die Menschen erhalten zudem Plastikplanen und Bambusstangen für eine stabile Überdachung ihrer Notquartiere. Weil das stehende Wasser Brutstätte für Krankheiten wie Cholera und Durchfall ist, betreuen mobile Gesundheitsstationen die Betroffenen auch in den wenig zugänglichen Gebieten, in die die Helfer nur per Jeep oder Traktor gelangen. Zudem werden Nutztiere, die Lebensgrundlage der Bauern, geimpft.


Im vergangenen Jahr hat Misereor insgesamt fünf Millionen Euro für Nothilfe und Wiederaufbauprogramme in Pakistan bewilligt. Hausbau und die Verbesserung der dörflichen Infrastruktur stehen nach wie vor im Zentrum der Arbeit. Darüber hinaus unterstützt das Aachener Werk lokale Partnerorganisationen mit 250000 Euro dabei, Kleinbauern zu beraten und traditionelle Anbaumethoden in der Landwirtschaft wieder einzuführen - zum Beispiel den Aufbau lokaler Saatgutbanken. Vier Millionen Euro hat Misereor für die Ausdehnung des Hausbauprogramms auf 15000 Familien in der Provinz Sindh und im Süden von Hyderabad bereit gestellt. Weitere 50000 Euro sind für den Aus- und Aufbau eines mobilen Gesundheitsdienstes im Raum Hyderabad vorgesehen. Zur langfristigen Arbeit von Misereor im Land am Hindukusch gehören auch die Förderung der Schulbildung, die Vermittlung von Kenntnissen über Hygiene und Gesundheit sowie Menschenrechtsfragen.


"Wir müssen in der derzeitigen katastrophalen Situation den Menschen im Süden Pakistans helfen", sagt Ulrich Füßer, Leiter der Asienabteilung bei Misereor. "Gleichzeitig muss unsere Hilfe langfristig ansetzen, um die Lebensbedingungen vor allem der ländlichen Bevölkerung dauerhaft zu verbessern." So etwas brauche Zeit. "Doch angesichts der aktuellen Katastrophe müssen wir unsere Anstrengungen verdoppeln." Damit die bunten Plastikplanen im Pakistans Süden bald nicht mehr flattern.

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Kategorie: Misereor
Erstellt: 27.10.2011

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